Am 6. Dezember 1976 wurde in Kingston, Jamaika, ein Attentat auf Bob Marley verübt.
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BerlinGrade noch habe ich darüber nachgedacht, ob ich anti-panisch lieber den Kinderzimmerschauer Coco Rosies oder das Whitney Houston-Geisterkonzert ankündigen sollte, die man als Hologramm mit Echtmusikern auftreten lassen wollte – schon müssen wir als Zwangskartoffeln auf der Couch herumlungern. 

Als Live-Profi habe ich mich immer mehr um Hintergrund- als um Konzertfilme gekümmert. Anlässlich von Bob Marleys 75. Geburtstag am 6. Februar bin ich dabei etwas verspätet auf die ReMastered-Reihe von Netflix gestoßen, die seit 2018 mehr oder weniger bekannte Kriminalfälle aus der Musikgeschichte behandelt – den rätselhaften Tod des Bluesmusikers Robert Johnsons etwa. Mit sozialhistorischen Hintergrund dargestellt wird auch der Mord an Soulerfinder Sam Cooke und die CIA-Überwachung Johnny Cashs. „Who Shot the Sheriff“ nimmt sich das Attentat auf Bob Marley vor dem Gratiskonzert „Smile Jamaica“ am 6. Dezember 1976 in Kingston vor, bei dem der Musiker fast ums Leben kam.

Meisterwerk der Polyphonie

Marley, damals schon Lokallegende mit internationaler Strahlkraft, hatte es als versöhnenden Aufruf gegen die Drogen-Ganggewalt geplant – als Ghettokid mit einem weißen Vater und einer schwarzen Mutter gab er dafür die Idealbesetzung. Er geriet indes ins Kreuzfeuer der Politik, genauer des Kuba-nahen Michael Manley von der People’s National Party sowie des US-affiliierten Edward Seaga von der Jamaican Labour Party, die ihn und das Konzert als Wahlhilfe vereinnahmen wollten – und selbst jeweils mit Gangs verbandelt waren. Klarheit in der unübersichtlichen Lage gibt der Film nicht, aber er bemüht sich  mit vielen Zeitzeugen und einigen raren Konzertbildern darum, die komplexe Situation zwischen Ganglords, CIA, Politkorruption und den geächteten Rastas im postkolonialen Jamaika zu umreißen.

Und damit wiederum lässt er sich als Grundlage für Marlon James’ Roman „A Brief History of Seven Killings“ benutzen, der 2015 genau das Attentat und die politischen und kriminellen Verstrickungen ins Zentrum seines Zeitpanoramas stellt – ein wimmelndes, drastisches und spannendes Meisterwerk der Polyphonie. Wer kann, sollte es unbedingt im Original lesen, ein nicht geringer Teil des Vergnügens liegt in der Meisterschaft, mit der James jamaikanische Protagonisten zwischen Eliten und Straße, Amerikaner, Briten und Kubaner sprechen lässt (fünf deutsche Übersetzer hat es dazu gebraucht). Mein Herz geht raus an alle Musiker, Clubbetreiber, Veranstalter und Promoter: Haltet durch und passt auf euch auf!

ReMastered: Who Shot the Sheriff? 

USA 2018. Regie: Kief Davidson. 57 Min. Netflix.

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Heyne 2017. 864 Seiten.