Liest via Instagram: die Schauspielerin Caroline Peters.
Foto: Paulus Ponizak

BerlinRichtig hart wird es erst jetzt. Die blumigen Vorstellungen von einer Phase produktiver Entschleunigung, mit der wir Homeoffice-Sitzer uns diese elende Pandemie schönlogen, haben sich nicht erfüllt. Oder wer kann behaupten, in den vergangenen Wochen tatsächlich jene lange aufgeschobenen Projekte realisiert zu haben? Wer hat eine neue Sprache zu lernen begonnen? Ein Musikinstrument? Eine handwerkliche Fähigkeit? Wer hat ganz viel gelesen oder etwas geschreinert? Seien wir ehrlich: Es ist nicht leicht, zu sich zu kommen, wenn da draußen nichts mehr los ist, das uns stimuliert, an- oder aufregt. Dass die Theater, Kinos, Musik- und Kunsthäuser geschlossen sind, ist nicht beruhigend, weil man vermeintlich nichts mehr verpasst – es ist einfach nur schrecklich.

Zumindest die Theater scheinen das selbst zu realisieren. Die Euphorie, man werde nun endlich tolle neue Digital-Formate erfinden und das Publikum direkt auf der Couch abholen, bekommt zusehends melancholische Risse. Zwar kann man nun das Ensemble des Staatsschauspiels Dresden zum digitalen Teetrinken treffen, sich von der Schauspielerin Caroline Peters auf Instagram vorlesen lassen und auf den Seiten des Theaters Gütersloh das erste eigens produzierte Corona-Stück sehen.

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Aber die dahinflackernden Streams und digitalen Angebote lösen doch auch tiefe Sehnsucht nach echter Nähe aus. Manchmal ist die Simulation von Anwesenheit sogar trauriger als die Abwesenheit selbst.

Ab jetzt geht es also vor allem ums Streckemachen. Das ist auch deshalb fies, weil das Ziel trügerisch nah vor Augen scheint: „Nach Ostern ...“ oder „Geschlossen bis 19. April“ liest man und kann es nicht glauben. Es wird wohl sein wie mit einer Inszenierung von Frank Castorf, die mit wahnsinnig langen sechs Stunden im Programmheft steht – und dann acht dauert. Aber in diesen zwei zusätzlichen Stunden, das wissen Fans, lernt man die kleinen Wunder im großen Leiden kennen. Der Blick heftet sich an Nebensächliches, man schweift ab und träumt süß. Neulich erkannten wir hier am Frühstückstisch Gesichter in den Hälften einer aufgeschnittenen Passionsfrucht. Wir ließen sie singen und tanzen. Ein bisschen verzweifelt, ja, aber das ist das große Theater oft auch. Am Ende wird das alles hier leider kein unendlicher Spaß gewesen sein. Aber wie im Theater wird man sagen können: Man hat durchgehalten.

Unsere Tipps

Digitales Teetrinken am Staatsschauspiel Dresden: montags von 17–19 Uhr auf https://www.staatsschauspiel-dresden.de
Caroline Peters liest für junge Menschen und Erwachsene, täglich ab 11 Uhr auf Instagram unter carolinepetersliest
Theater Gütersloh: „Corona zu zweit“ –Stück zur Corona-Krise als Videoproduktion: ab 9. 4., 19.30 Uhr, auf www.theater-gt.de