Das belgische Vokalensemble Graindelavoix
Foto: Koen Broos

BerlinWenn Vokalmusik im Musikleben auch nur annähernd den ihr zustehenden Rang einnehmen und nicht permanent von der ewig gleichen Orchestermusik und ihren aufdringlichen Protagonisten namens „Dirigenten“ in den Hintergrund geschoben werden würde, gäbe es seit Jahren kaum ein interessanteres Diskursthema als das belgische Vokalensemble Graindelavoix und seinen Gründer und Leiter Björn Schmelzer. Schmelzers Klangästhetik ist ein Frontalangriff auf die Sauberkeitsbestrebungen britischer oder auch deutscher Ensembles. 

Schmelzer ermutigt seine Sänger zur Individualität ihres Stimmklangs, zu Stimmansätzen, die man in herkömmlichen Chören als unsauber und wacklig qualifizieren würde und die wie selbstverständlich in Ornamentierungen münden, die aus traditionellen Singkulturen stammen – was das bedeutet, wird hier noch ausführlicher erörtert werden. Graindelavoix pflegte diesen Ansatz bevorzugt in Musik des Mittelalters oder der frühen Renaissance, seit einigen Jahren wird er auch auf spätere Musik übertragen, etwa Madrigale von Cipriano de Rore.

Identifikation mit dem Gekreuzigten

Die neueste Aufnahme widmet sich den Passions-Responsorien von Carlo Gesualdo von 1611, je neun Motetten für Gründonnerstag, Karfreitag und -sonnabend, eine ausschweifende, jede liturgische Funktion durch die schrankenlose Identifikation des Komponisten mit dem Gekreuzigten über den Haufen rennende Musik für sechs Stimmen in der privaten Kapelle (Gesualdo: Tenebrae, Glossa). Beim gleichen Label erschien vor sechs Jahren eine Aufnahme der Compagnia del Madrigale, der man damals Referenzwert zusprechen konnte. Verglichen mit Graindelvoix klingt sie fast grell: Das italienische Ensemble singt einen halben Ton höher als das belgische und statt mit einem Altus mit einem weiblichen Alt.

Graindelavoix singt Gesualdo

Quelle: Youtube

Das erhöht indes zusammen mit einer helleren Akustik die Transparenz. Ihrem Namen schließlich werden die Italiener gerecht durch ihre stärker am Madrigal ausgerichtete Interpretation: Sprechende Kontraste wie zwischen dem vollstimmigen „Omnes amici mei “ (Alle meine Freunde) und dem geringstimmigen „dereliquerunt me“ (haben mich verlassen) werden bei der Compagnia del Madrigale ungemein deutlich.

Sparsame Manierismen

Bei Graindelavoix wird dergleichen nicht unterschlagen, aber in einen größeren klanglichen Fluss integriert. Die typischen Manierismen des Ensembles kommen relativ sparsam zum Einsatz und bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen subjektiver Belebung und Verwischung der kompositorischen Feinheiten – das macht die Sache spannend. Zugleich verleiht der individualisierte, naturhafte und dennoch sauber intonierte Stimmklang  dem Ganzen eine große Wärme und der Musik eine nirgends aufdringliche Intimität.