Susan Sontag (1933-2004): Ihre Gedanken sind noch frisch.
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BerlinEs stimmt ja, neben viel Schrecken bringt die Corona-Krise auch ein ungekanntes Maß an Menschlichkeit in die Gesellschaft zurück. Die Politik entdeckt ihre eigene Kraft wieder und sogar die Frage nach dem moralisch richtigen Handeln als ihr ureigenes Primat. Das System hängt sich plötzlich selbst aus den Angeln zum Wohl der Menschen – schon schön.

Aber nicht auch unheimlich? Welche Menschlichkeit kriegt hier so radikale Kraft? Anfang März noch sah man griechische Grenzpolizisten um Einlass flehende Kriegsflüchtlinge brutal von der Grenze Europas zurückschlagen. Die EU, auch Deutschland, applaudierte dem menschenverachtenden Schauspiel, als hätte es ein Grundrecht auf Asyl nie gegeben.

An welche Schwachen denken wir?

Und jetzt ist da doch ein großes Mitgefühl gegenüber den Schwächsten. Kann es sein, dass es nur solchen Schwachen gilt, die wir selbst sein könnten – Moral keine Sache der Vernunft, nur der gefühlten Nähe ist?

Dass wir im Jahr 2020 moralphilosophisch gesehen nicht viel weiter, vielleicht sogar weniger weit sind als um die Mitte des 18. Jahrhunderts, als in Paris die vernunftbegeisterten Enzyklopädisten um Diderot und Voltaire und ihr naturidealistischer Widersacher Rousseau um die Neuvermessung der Zivilisation stritten, indem sie Natur, Staat und Menschsein in neue Beziehungen stellten, kann man in einem Geist schärfenden Büchlein nachlesen: „Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid“ von Henning Ritter (C.H.Beck, München 2004).

Henning Ritter (1943-2013): Denkanstifter
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Sein Perspektivenreichtum befreit wohltuend von der eintönigen moralischen Selbstüberhöhung, die im Corona-Dauersendebetrieb mitschwingt. Als der mittlerweile verstorbene FAZ-Redakteur seinen Essay herausbrachte, sprach er in die Nachwehen des 11. September hinein. „Asymmetrischer Krieg“, Kampfdrohnen-Einsätze machten die scheinbar außer Kraft gesetzten, tatsächlich völlig willkürlich instrumentalisierten Kategorien von Nähe und Ferne als moralisch-politische Handlungsinstanz wieder offenkundig.

Heute, da man sich vor seinem Quarantäne-PC jedem in Wuhan näher fühlt als einem Flüchtling vor Griechenland, wirkt die räumliche Distanz als Faktor für moralisches Handeln verschleierter denn je. Nicht nur moralische Prinzipien, auch die Politik der Bilder immer neu zu untersuchen, täte Not. Fast zeitgleich zu Ritter hat das die große Essayistin Susan Sontag in „Das Leiden anderer betrachten“ (Hanser, München 2003) getan.

Die Widersprüche der Moral

Nicht die Bilder sind es, die Mitleid erregen, zeigt sie, sondern die Kommentare, die in sie hinein sprechen. Was motiviert also unser Mitgefühl? Wenn es möglich wäre, einen steinreichen alten, allseits gehassten Mandarin im fernen China mit dem bloßen Gedanken zu töten, um in Paris an sein Geld zu kommen, würde man das nicht sofort tun? Balzac stellte diese Frage und Ritter nimmt sie zum Ausgangspunkt seines literarisch-philosophischen Gangs durch die Widersprüche der Moral. Lohnend, mitzugehen.