Spielt Schönberg vibratoarm und transparent: die Geigerin Isabella Faust.
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Es ist fast tragisch: Hatte es die MaerzMusik in den letzten Jahren wirklich geschafft, unser Interesse an ihr vollständig abzutöten, weckte sie in diesem Jahr plötzlich Aufmerksamkeit durch eine profilierte Konzertdramaturgie – und prompt fällt sie aus. Schauen wir zum Ersatz auf CD-Neuerscheinungen neuer Musik.

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Was neue Musik einmal war, daran kann man sich mit zwei CDs erinnern: Arnold Schönbergs Violinkonzert versucht sich an Bewahrung und Steigerung klassisch-romantischer Komplexität und scheut die Widersprüche nicht, die sich daraus ergeben – und kaum eine Schönberg-Aufnahme macht diese Widersprüche so produktiv wie die von Isabelle Faust mit der Begleitung des Schwedischen Rundfunkorchesters unter Daniel Harding (harmonia mundi).

Musik, die den Hörer selbstbewusst überfordert

Unglaublich klar ist das gespielt, man verfolgt aufmerksam die motivischen und rhythmischen Korrespondenzen – und verliert dann doch die von Schönberg gelegte Sonatenspur, um sich in den kaleidoskopischen Brechungen zu verfangen, die aus der Zwölftontechnik und ihren unausgesetzten Drehungen und Varianten hervorgehen. Diese wiederum werden mit wunderbar präzisem Sinn für Farben und Ausdruck gestaltet – so entsteht das vielschichtige Bild einer Musik, deren Provokation nicht nur in ihrer brachialen Dissonanz und nervösen Instrumentation liegt, sondern vor allem darin, dass sie den Hörer selbstbewusst überfordert.

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Das tat die 2006 gestorbene Galina Ustwolskaja auf ihre Weise auch. Die von Viviane Spanoghe (Violoncello) und Jan Michiels (Klavier) eingespielte CD mit dem Grand Duet von 1959 und der Klaviersonate Nr. 5 von 1986 (Etcetera) zeigt eine radikal vereinfachte Musik, bei der allerdings jeder Ton die Spur persönlicher Verantwortung trägt.

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Eigensinnige Fragilität

Nichts ist hier wie bei Schönberg oder gar anderen Vereinfachern wie Arvo Pärt einer Struktur überlassen, die den Tonstrom organisiert. Struktur entsteht bei Ustwolskaja aus dem einen Ton und dem nächsten und dem folgenden – und das hat, trotz des häufig geschriebenen mehrfachen fortissimo, eine eigensinnige Fragilität. Das Reklamewort „radikal“ ist hier wirklich angebracht. In der Folge dieser Stücke hört man auch, was Ustwolskaja 1959 noch von ihrem Lehrer Schostakowitsch mitgenommen hat an melodischer Schlagkraft, aber auch, wie durchgreifend sie es sich anverwandelt und dann 1986 in ihrer eigenen Schreibweise verschlungen hat.

Beide CDs enthalten zudem kontrastierende Werke. Wenig anfangen kann ich mit Alfred Schnittkes „Epilog zu Peer Gynt“, einer stilistisch unscharfen Musik mit Tonband-Chor im Hintergrund. Erneut zum Hinhören reizt Schönbergs „Verklärte Nacht“, die Isabelle Faust mit großartigen Kollegen vibratoarm und extrem transparent in der Sextettfassung spielt.