In seiner iranischen Heimat ist der Regisseur Jafar Panahi mit Berufsverbot belegt. Der Mann ist jedoch Künstler und möchte seinen Beruf ausüben, sich also ästhetisch artikulieren und etwas darüber erzählen, wie er die Welt wahrnimmt, in der er lebt. Wie aber nimmt Panahi die Welt unter den Bedingungen seiner Verurteilung wahr, und vor allem: Wie gestaltet er seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Gefühle? Der neue Film des Iraners zeigt, was für eine immense Kreativität man unter blockierten Verhältnissen, mit beschränkten Mitteln entwickeln kann. Das soll jetzt keine Verteidigung solcher Verhältnisse sein, wohl aber die Perspektive auf sie ändern.

In „Taxi“ setzt sich Jafar Panahi selbst hinters Lenkrad des titelgebenden Wagens; in der ersten Einstellung bietet sich ihm beim Blick aus dem Fenster eine Szene, die sich überall so abspielen könnte: Passanten überqueren die Straße; Autos und Mopeds befördern Lasten; jemand weicht zurück, als ein Wagen vorbeisaust. Dann beginnt die Fahrt; die ersten Passagiere steigen ins Taxi. Ein Mann zweifelt bald Panahis Qualifikation als Chauffeur an, während er von Bekannten erzählt, denen die Autoreifen gestohlen wurden – die Diebe sollte man hinrichten! Die Frau auf dem Rücksitz widerspricht dem Mann; eine heftige Debatte um das Für und Wider der Todesstrafe hebt an, bei der sich Panahi indes nicht beteiligt.

Er lässt seine Fahrgäste reden, über Gott und die Welt. Es finden sich etliche Passagiere, darunter eine um ihre finanzielle Absicherung besorgte Ehefrau, zwei abergläubische alte Damen mit einem Goldfischglas und eine Menschenrechtsanwältin, der das Berufsverbot droht. Auch Panahis altkluge Nichte fährt eine Weile mit; sie soll mit ihrer Kleinkamera einen Film für ein Schulprojekt drehen, dies aber nach islamischen Regeln. Bedeutet: keine Schwarzmalerei, alle tragen islamische Kleidung.

Im Kosmos des Kleinkraftwagens, bei der Fahrt zu diversen Zielen spiegelt sich also die iranische Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit. Eine am Schaltbrett des Taxis montierte Mini-Kamera nimmt alles und jeden auf: zufällige Begegnungen, die quasi dokumentiert werden, ebenso wie offensichtlich inszenierte Szenen. Einiges ist von höchstem Unterhaltungswert. So steigt auch ein mobiler DVD-Händler ein, der den berühmten Landsmann trotz der Schiebermütze sogleich erkennt – hat er dessen Familie doch früher Filme ins Haus geliefert, von Woody Allen bis hin zum türkischen Auteur Nuri Bilge Ceylan. Der kleinwüchsige Omid hat alle US-Fernsehserienhits im Angebot, und eitlerweise gibt er Panahi gleich als seinen Partner aus bei einem Kunden – wo doch beide „kulturelle Arbeit“ leisten.

Auf Herzogs Regiearbeit war man schon Wochen vorher gespannt

Das alles erzählt mehr über die Verhältnisse im Iran als irgendeine Reportage. Wenn man so will, ist „Taxi“ ein heiterer, aber dennoch profunder und differenzierter Film über den schwierigen Alltag in einer Diktatur – dabei durchwirkt vom Geist der Konspiration, der auch diesen mutigen Akt des Guerilla-Filmemachens beseelt. Die Möglichkeiten von Kunstfreiheit in einer geschlossenen Gesellschaft macht Jafar Panahi ebenso zum Thema wie sich selbst. Doch als Zuschauer hat man die ganze Zeit über Angst, dass Panahi plötzlich von ganz bestimmten Männern aus dem Auto gezerrt werden könnte.

„And now for something completely different“, um mit Monty Python zu sprechen. Auf Werner Herzogs neue Regiearbeit war man schon Wochen vor der Berlinale gespannt. „Queen of the Desert“ war als Geschichte einer wagemutigen Frau angekündigt, aber dies wäre kein Film von Herzog, wenn es hier einfach nur um eine Emanzipationserzählung gehen würde. Der deutsche Kosmopolit macht vielmehr „something completely different“: Er inszeniert Szenen aus dem Leben der Historikerin, Schriftstellerin und Spionin Gertrude Bell als Melodram, wobei er das Genre durch Abenteuersequenzen bricht.

Und das ist durchaus irritierend: Eine offenbar hünenhafte Britin bereist um 1914/15 mit arabischen Führern unerschrocken die entlegensten Wüsteneien des Nahen Ostens, ist zu Gast bei Beduinen und Drusen, widersteht Hitze und Staub. Und doch geht es in diesem Film irgendwie doch immer nur um ihr sehnsuchtsvolles Herz. Dasselbe gehört einem Botschaftssekretär, den sie aber nicht heiraten darf und der sich deswegen von einem Felsen in den Tod stürzt. Fortan gehört Gerties Herz nur der Wüste – bis sie einem feschen Major begegnet, der den Tod im Krieg sucht, weil seine Ehe nicht geschieden werden kann.

Nicole Kidman spielt Gertrude Bell, jene Frau, die als Informantin entscheidend an der Weichenstellung für die politische Neuordnung des Nahen Ostens beteiligt war. Der Sekretär (James Franco) küsst sie in einer zoroastrischen Grabstätte – was zu einer tollen Szene führt: Einer der für heilig gehaltenen Aasgeier, denen die Zoroaster ihre Toten überlassen in den „Türmen des Schweigens“, beobachtet das Paar, und das überzieht alles mit jenem Herzog’schen Seltsamkeitsgeist, der sonst nirgends zu finden ist.

Taxi: 7. 2.: 12.30 Uhr, Haus der Festspiele, sowie 18 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 15. 2.: 14.30 Uhr; Haus der Festspiele.

Queen of the Desert: 7. 2.: 12 Uhr sowie 21 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 15. 2.: 10 Uhr, Friedrichstadt-Palast.