Fünf Millionen Tonträger hat der Songwriter und Musicaldarsteller Adam Lambert bereits abgesetzt. Mit „Velvet“ ist gerade sein viertes Studio-Album erschienen. 
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BerlinAdam Lambert scheint angekommen zu sein. Fünf Millionen Tonträger hat der 38-jährige US-Sänger schon verkauft, mit „Velvet“ ist gerade sein viertes Studio-Album erschienen. Darauf schlägt der sonst so stimmgewaltige Queen-Frontmann mit Falsettgesang und Musiklegende Nile Rodgers im Schlepptau merklich funkigere Töne an. Welche Identitätskrisen er zu überwinden hatte und wie ihm Roger Taylor und Brian May von Queen dabei halfen, erzählt Lambert beim Interview in Berlin.

Mr. Lambert, in der Filmbiografie „Bohemian Rhapsody“ über den 1991 verstorbenen Queen-Sänger Freddie Mercury hatten Sie 2018 einen Cameo-Auftritt. War es Ihnen eine Freude, einen Stricher zu spielen?

Moment! Ich spiele einen Trucker. Ich denke nicht, dass der Typ für Sex bezahlt wurde, sondern nur, um einen Lkw zu fahren.

Aber dass ausgerechnet Sie im Film mit Freddie Mercury anbändeln, gefiel Ihnen?

Ich habe sofort gesagt: „Klar, das wird ein Spaß!“ Ich bin der erste Mann, auf den Freddie ein Auge wirft. Das ist wunderschöne, süße Ironie, nicht wahr? Ich muss allerdings sagen: Es war eine eiskalte Nacht, als wir die Szene drehten. Da fielen die warmen Gedanken schwer.

Den Leuten, die immer noch Kritik daran üben, dass Queen mit einem anderen Sänger auf Tour gehen, muss das ein Dorn im Auge gewesen sein.

Sicherlich. Aber der größere Stinkefinger an die Hater ist die gemeinsame Dokumentation, die Queen und ich rausgebracht haben. Es ist nun mal so: Brian May und Roger Taylor haben einige dieser Songs geschrieben. Sie haben jedes Recht, dort rauszugehen und sie zu performen. Aber: Sie brauchen einen Sänger. Also singe ich diese verdammt großartigen Songs für das Publikum. Unter uns dreien ist das nicht sehr kompliziert. Aber es ist interessant, dass es immer noch Leute gibt, die meinen, mir mitteilen zu müssen, dass Freddie besser ist.

Ihre Reaktion darauf?

Freddie ist der Mann für den Job. Ich wüsste gar nicht, wie ich diese Stücke singen sollte, wenn Freddie es mich nicht gelehrt hätte. Aber es gibt keinen Wettbewerb zwischen uns.

Jetzt stapeln Sie aber tief. Sie haben mit Ihrer Stimme sogar Cher zum Weinen gebracht.

Ich war unglaublich nervös bei dem Auftritt. Ich hatte Jetlag und mein Adrenalin geriet außer Kontrolle. Normalerweise bin ich abgebrühter. Doch manchmal bringt so ein Adrenalin-Schub ein großes Maß an Verletzlichkeit zum Vorschein. Emotional waren meine Kanäle weit offen. Aber das machte den Auftritt erst so besonders.

Fühlen Sie sich sicher mit Ihrer Stimme?

An guten Tagen. Ich bin mein schlimmster Kritiker und ein Perfektionist. Ich gehe hart mit mir ins Gericht. Bei Konzerten habe ich manchmal in der Mitte eines Songs die Eingebung: „Oh, das läuft nicht gut.“ Dann gehe ich von der Bühne und schimpfe: „Das war schrecklich, richtig Scheiße.“ Wenn ich mir ernsthaft Sorgen mache, schaue ich es mir danach auf YouTube an, um zu sehen, wie schlecht es war. Meistens denke ich dann: Es klingt doch okay.

Gibt es etwas, das Sie stimmlich aus der Komfortzone bringen könnte?

Auf meinem neuen Album habe ich mich ganz eindeutig aus der Komfortzone herausbewegt. Ich habe mehr Soul reingebracht, Melodie und Phrasierung. Das war eine Herausforderung. Denn ich liebe Soulmusik schon so lange. Ich benutze mehr Falsett als sonst, was sich gut und anders für mich anfühlt. Prince war diesbezüglich eine Inspiration. Früher dachte ich immer: Was kann ich tun, um aufzufallen? Diesmal war es mir wichtiger, den richtigen Vibe zu finden, als mit meinem Stimmvolumen anzugeben.

Zur Person

Der Sänger, Songwriter und Darsteller Adam Mitchel Lambert wuchs in San Diego auf. Bevor er 2009 bei der Castingshow „American Idol“ vorsang, wo er Zweiter wurde, spielte er in Musicals wie „Wicked“ und „Hair“ mit – ein Engagement führte ihn für ein halbes Jahr nach Berlin.
 Seine mehrere Oktaven umfassende Stimme ist sein Markenzeichen. Auf Queen stieß er erstmals bei „American Idol“, wo er im Duett mit ihnen sang. Lambert lebt in Los Angeles und setzt sich für Rechte der LGBT-Community ein. Sein neues Album will er am 5. September im Berliner Huxley’s vorstellen, ein Auftritt mit Queen in der Mercedes-Benz-Arena ist am 24. Juni geplant.

Wenn ich Sie nach Ihren Karriere-Highlights frage: Wären das eher Momente mit Queen oder Momente als Solokünstler?

Sowohl als auch. Dass ich beide Sachen sehr aktiv betreiben kann, macht es für mich so besonders. Ein Höhepunkt mit Queen war definitiv, die Oscar-Verleihung 2019 eröffnet zu haben. Dass mein zweites Solo-Album auf Platz eins ging und ich damit zum ersten offen schwulen Künstler in Amerika wurde, dem das gelang, ist ein Meilenstein. Als es passierte, konnte ich es selbst nicht glauben, dass ich der erste war. Und eine Grammy-Nominierung brachte mir die Platte auch noch ein.

Glauben Sie, dass Sie sich als Künstler noch etwas erkämpfen müssen?

Am Anfang war es das Stigma, ein Teilnehmer in einer Castingshow gewesen zu sein, gegen das ich ankämpfen musste. Aber heute spielt das keine Rolle mehr. Ich vertraue meiner Arbeit. Aber es ist sehr einfach, von der Musikbranche verschlungen zu werden. Das habe ich am eigenen Leib erfahren.

In einem Instagram-Post bezeichneten Sie es als Identitätskrise.

Ja, so war’s. Ich bin nur noch dem Hit hinterhergejagt. Ich versuchte, die Musik für andere Leute zu machen, anstatt für mich selbst. Darüber hinaus steckte ich so viel Energie in meine Karriere, dass ich mein Privatleben total vernachlässigte. Aber das habe ich nun schon ein paar Jahre gut im Griff.

Brian May und Roger Taylor sollen Ihnen aus der Krise geholfen haben.

Einfach nur, indem sie ein gutes Beispiel abgeben. Sie ereifern sich nicht über kleine Dinge. Sie haben Erfahrung und viel durchgemacht. Ihre Betrachtungen und Geschichten zu hören, das half mir.

Haben Sie die George-Michael-Doku „Freedom“ gesehen? Darin spricht er darüber, wie toll es ist, diese eine bestimmte Person im Publikum zu haben, für die man jeden Abend singt.

Ja, das ist interessant: Wenn du ein Performer bist und auf die Bühne gehst, bekommst du all die Energie vom Publikum. Dann ist die Show vorbei, du bist zurück in deinem Hotelzimmer. Und es fühlt sich an, als würde dich jemand von der Klippe schubsen. Es ist ein krasser Adrenalin-Abfall und nicht die einfachste Sache, damit umzugehen. Es ist dann gut, wenn jemand da ist.

Wie ist es mit Ihrer Selbstliebe? Der britische Popstar Sam Smith hat sich über Bodyshaming bei Männern ausgelassen. Sie haben das geliked.

Das war so unglaublich mutig von ihm. Besonders, weil es da eine Art Doppelmoral gibt. Es gibt die Body-Positive-Bewegung bei Frauen. Aber es wird nicht oft darüber geredet, wenn es um uns Männer geht. Besonders die Schwulenszene hat eine sehr körperbewusste Community. Es existiert dieser überhöhte Standard im Bezug auf körperliche Schönheit – ich behaupte, das ist sehr viel extremer als bei heterosexuellen Männern. Vieles geht darauf zurück, dass wir schwulen Männer erzogen wurden, uns nicht zu outen. Wir müssen mit all der Scham umgehen, wir fühlen uns komisch, anders oder einfach nur falsch. All diese Gedanken werden Teil deiner Körperlichkeit und der Art, wie du über deinen Körper denkst. Da ist also eine Extra-Schicht Mist, mit der wir umgehen müssen.

Sie können sich also mit dem Thema verbinden?

Ich hatte immer meine Unsicherheiten. Ironischerweise ist der Platz, an dem ich mich am wohlsten fühle, auf der Bühne. Akzeptanz und Bestätigung bekomme ich durch Auftritte. Auf der Bühne treffe ich mein selbstbewusstes Ich. Aber in meinem Privatleben? Da zweifle ich oft an mir.

Wie reagieren Brian May und Roger Taylor auf Ihre extravagante Garderobe, wenn Sie zusammen touren?

Es gab Momente, in denen Roger und Brian die Kinnlade runterfiel, wenn ich in vollem Make-up vor ihnen stand. Aber wenn man zurückblickt auf die Klamotten, die Freddie trug, sind die auch sehr abgedreht.

Ihr Vater, der Sie in jungen Jahren an die Musik von Queen herangeführt hat, muss ziemlich stolz auf Sie sein.

Unglaublich stolz ist er, und er zeigt das auch allen seinen Freunden. Er war auch schon bei einigen Queen-Aftershowpartys dabei.