Queerer Standup in Berlin: „Alok ist wie eine Art Oprah Winfrey für Gen Z“

Die Instagram-Ikone Alok bewegt sich nahtlos zwischen Poesie, Comedy, Literatur und Film. Momentan ist er:sie auf Standup-Tour. Mit Stopp in Berlin.

Alok
AlokBronson Farr

Als Alok alias Alok Vaid-Menon jünger war, trug er:sie bei indischen Dinnerpartys im familiären Umfeld in Texas manchmal die Salwar-Kameez-Kleider der Mutter und tanzte auf exaltierte Weise zu Bollywood-Songs. „Ich hatte absolut kein Schamgefühl. Ich war so flammend, so queer, so weiblich, und alle haben es akzeptiert.“

Alok ist non-binäre:r Autor:in und Performer:in. Wenn er:sie von dieser Kindheitserinnerung erzählt, sind Leute oft überrascht: „Sie sagen dann: ‚Gott, ich dachte, ihr wärt so konservativ‘. Ich antworte: ‚Denk nach!‘. Ich habe mich nie geschämt, bis zu dem Punkt, wo andere sagten, ich solle mich zurückhalten.“

Dies und mehr lässt sich in der deutschen Ausgabe von Aloks Buch „Mehr als binär“ nachlesen, das zusammen mit „ALOK“ beworben wird – der Standup-Comedy-Tour der Künstler:in, die auch in Deutschland mehrere Termine hat. Berlin kennt Alok nun schon seit über zehn Jahren. Das letzte Mal, dass er:sie einen Fuß in die deutsche Hauptstadt setzte, war kurz nach Veröffentlichung des Gedichtbandes „Femme in Public“ (2017). 

Mit 31 Jahren bewegt sich Alok nahtlos zwischen Poesie, Comedy, Mode und Literatur. Für Alok hängt ein Gros dieser Arbeit mit dem Versuch zusammen, das aufbrausende, queere Kind zu sein, das er:sie früher einmal war: „Ich war so unapologetisch, ich glaube nicht, dass ich dieses Maß an Selbstvertrauen je wieder erreicht habe.“ Die Reichweite dieser genreübergreifenden Arbeit scheint das Gegenteil zu beweisen. Alok hat mehr als eine Million Follower auf Instagram und ist zu einer einflussreichen Figur für Menschen geworden, die mehr über Gender-Nonkonformität erfahren wollen.

Ein wichtiger Einfluss war Aloks Tante

Alok wuchs in einer „sehr weißen, sehr christlichen, sehr konservativen“ Stadt in Texas auf und war von einer engmaschigen, indischen Community in die USA Eingewanderter umgeben. Ein wichtiger Einfluss war die Anfang dieses Jahres verstorbene Tante, die LGBTQ+-Pionierin Urvashi Vaid. Sie, die sich vier Jahrzehnte lang für Aids-Bekämpfung und die Rechte Homosexueller einsetzte, bezeichnet Alok als seine:ihre erste „queere Beschützerin“.

„Bevor ich wusste, dass ich queer bin, sagte Urvashi zu meiner ganzen Familie: ‚Okay, ich habe das Gefühl, dass dies ein queeres Kind sein wird‘. So beschützte sie mich, bevor ich überhaupt wusste, dass ich Schutz brauchte“, erzählt Alok. Die Tante habe die Familie überzeugen müssen, ihre Queerness zu akzeptieren, lange bevor Alok geboren war. Mit dem jüngsten Buch setzt er:sie den Kampf ihrer Tante für Gleichberechtigung jetzt fort.

Das Buch entstand, als Alok in den USA neue Anti-Trans-Gesetzgebung und steigende Diskriminierung feststellte. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als Dutzende Gesetzesentwürfe eingebracht wurden, die das Recht von Lehrpersonal darüber einschränken würden, kritisch über race, Geschlecht, Sexualität und Ungleichheit zu sprechen. Dies habe letztlich dazu geführt, dass sich einige US-amerikanische Schulen unter Druck gesetzt fühlten, Bücher aus Klassenzimmern und Bibliotheken zu entfernen. Aloks Heimat Texas selbst ist eine konservative Hochburg, wo regelmäßig erbitterte Kämpfe über Inhalte von Schulbüchern ausgetragen werden.

Die Weigerung, sich in eine Schublade stecken zu lassen

„Viele Leute sagten mir, dass sie trans Menschen unterstützten, aber nicht wüssten, wie sie in unserem Namen argumentieren sollten“, erzählt Alok, „vor allem nicht bei Gesprächen am Esstisch mit ihrer Familie. Sie sagen auch, dass sie Gender-Theorie weitestgehend unzugänglich finden. Also habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, eine Fibel zu Trans-Politik zu schreiben, die alle verstehen.“ Das Schöne daran sei, dass diese von 12-Jährigen bis an Großeltern weitergegeben werden könne. „Jede:r kann es verstehen.“ Mit dem Buch, das zeitgleich zur Standup-Tour erscheint, setzt Alok die Weigerung fort, sich in eine Schublade stecken zu lassen. 

„Bist du ein Junge oder ein Mädchen? Bist du Comedian oder Poet? Schreibst du Prosa oder Gedichte?“ – Fragen, mit denen Alok regelmäßig konfrontiert wird, allerdings selten zur konkreten Arbeit passten. Alok erzählt von der Sorge, wie viele Comedians Transphobie als treibende Kraft ihrer Arbeit einsetzten und so die Vorstellung stützten, dass an der Existenz von trans Menschen etwas inhärent Gefährliches oder Lächerliches sei. „Dahinter steckt schlicht Sexismus und Frauenfeindlichkeit“, sagt Alok. Es sei bedauerlich, dass queere Menschen im traditionellen Standup oft Zielscheibe von Witzen werden. Es schade der Comedy. „Dabei sind wir einige der witzigsten Menschen.“

Die rund 60-minütige Bühnenshow, die in Berlin längst ausverkauft ist, dreht sich um eine Prämisse: Heteros müssten gestärkt werden. „Der Punkt, den ich in der Show mache, ist, dass die heterosexuelle Gesellschaft ihren Selbsthass, ihre Selbstverleugnung und ihren Selbstbetrug so normalisiert hat, dass sie es als Bedrohung empfindet, wenn sie sieht, dass queere Menschen frei sind.“

Alok gibt ihr:sein Debüt als Schauspieler:in bald auch im kommenden Netflix-Spielfilm der in Mannheim geborenen amerikanisch-palästinensischen Regisseurin Lexi Alexander. Der Anfang nächsten Jahres erscheinende Film ist ein Actiondrama namens „Absolute Dominion“ und spielt im Jahr 2085. Laut Alexander ist Alok talentiert. „Alok hat die Dynamik des Filmsets sofort verstanden. Und auch, wie viel schwerer es ist, einen Haufen zumeist weißer Männer dazu zu bringen, einer BIPOC-Regisseurin zuzuhören.“ Die Dreherfahrung sei für Alexander regelrecht therapeutisch gewesen. Sie ist optimistisch, was die Zukunft angeht: „Ich denke, wir werden noch viel von Alok hören. Es würde mich nicht überraschen, wenn Alok eine berühmte TV-Persönlichkeit wird, eine Art Oprah Winfrey für die Generation Z.“ Viele Menschen könnten von dieser Art Weisheit und Sichtbarkeit profitieren.

„ALOK“, Donnerstag, 20.10.2022, 22:30. Babylon Berlin, Rosa-Luxemburg-Straße 30, 10178 Berlin.

Aus dem Englischen von Hanno Hauenstein.