Konsolidierung in der Nische oder Mainstream, zwischen diesen Polen bewegt sich das schwul-lesbische Programm des Panoramas in jedem Jahr und versucht beides zu umschiffen. Das Manöver kann nicht immer gutgehen. Mit betont „erwachsenen“ Themen, etwa zu Fragen des Zusammenlebens nach dem ersten Sturm einer nicht mehr jungen Liebe, wäre es zuletzt fast missglückt – schwule Normalität ist auch nicht aufregender als jede andere. Doch was heißt schon normal? In diesem Fall geht es radikal in die andere Richtung.

„Bizarre“ heißt ein Film, der seinem Titel alle Ehre macht. Ein junger Franzose namens Maurice gerät in die Fänge der gleichnamigen Burlesque-Bar in Brooklyn. Hin und hergereicht zwischen den lesbischen Betreiberinnen und einem geheimnisvollen Kellner, hat er für die queeren Underground-Stripshows kaum einen Blick. Das unterscheidet ihn von Regisseur Étienne Faure, der hier mit energiegeladenen, semidokumentarisch wirkenden Bildern eine Subkultur festhält, die es vielleicht bald nicht mehr gibt.

Melancholische und alternative Porn

Sind es Hipster? Viele würden das bejahen, aber dem Bild des asexuellen, in sich gekehrten Eckenstehers mit Kaffee Latte unterm Arm entsprechen sie keineswegs. Im Gegenteil weckt gerade unser unauffälliger „french boy“– wie ein Wiedergänger aus Pasolinis „Teorema“ – das Begehren aller Beteiligten jederlei Geschlechts. Und das wird erfüllt, irgendwo zwischen zwischen melancholischer Liebelei und Alternative Porn. Schwul, lesbisch, straight-queer – nichts spielt eine Rolle. Es ist die orgiastische Version des Hipstertums, und es endet mit einem Knall.

Wirklich grenzensprengend allerdings ist „Nasty Baby“ von Sebastián Silva. Im New Yorker Stadtteil Brooklyn leben drei Hipster – der Regisseur nennt sie selber so, und zwar durchaus kritisch – in Wohngemeinschaft. Die Comedienne Kristen Wiig („Bridesmaids“) spielt Polly, die mit ihren zwei schwulen Jungs ein Baby zeugen will. So weit, so piefig. Wäre da nicht Freddys Eigenart, für seine Videoinstallationen mit Schnuller zu posieren und zu plärren wie ein Baby. Klingt lustig, sieht aber extrem unheimlich aus.

Tatsächlich nimmt der Chilene Silva, der die Rolle selbst spielt, den Babyfetisch der neuen Bohemiens aufs Korn und kommt so völlig logisch zum Thema Gentrifizierung: Ein Geisteskranker aus der Urbevölkerung namens „Bishop“ – das verdrängte Andere – wird erst zur Bedrohung, schließlich aber zum Opfer ihres Lebensstils. Nun gut, mit Logik ist dieser nervös inszenierte, bewusst konfuse Film wirklich nicht zu fassen, aber das ungelöste moralische Problem am Ende fühlt sich verdammt echt an. Wobei Kristen Wiigs gute Laune zum Unwohlsein maßgeblich beiträgt. Die Homosexualität ihrer Mitbewohner hingegen ist in diesem verstörenden Film, man ahnt es, nichts als irrelevant.

Provokant konventionell wirkt da fast „I am Michael“ von Justin Kelly, wenn auch nur filmsprachlich. Das 1998 in San Francisco startende Biopic wurde von Gus Van Sant produziert und sieht in etwa aus wie sein größter Erfolg „Milk“

Haarsträubend ist die Hauptfigur. Es geht um den realen ehemaligen Schwulen-Aktivisten Michael Glatze, der sich selbst von seiner Homosexualität „kurierte“ und heute als Galionsfigur der religiösen Anti-Homo-Bewegung firmiert. James Franco, mit drei Filmen auf dieser Berlinale, spielt diesen queerpolitischen Drahtseilakt glänzend, das heißt mit dem einen zerknirschten Gesichtsausdruck, den er nun mal hat. Wie muss man sich das vorstellen? Michael entdeckt seine Religiosität ungefähr so wie andere ihre Homosexualität, ohne Beeinflussung von außen. Alles andere, also eine Gegenüberstellung von religiöser versus homosexueller „Propaganda“, wäre billig. So schafft es der Film, Michaels schmerzhaften Selbstfindungsprozess zu akzeptieren, ohne sich sein Anliegen zu eigen zu machen – seine Ideen sind irgendwann so verdreht, dass nichts hilft als die Gründung einer eigenen Kirche. Lustig wird es allerdings nur, wenn der geläuterte Saubermann gezwungen ist, mit Frauen zu reden.

Nimmt man noch Peter Kerns fiese Industriellenlesbe aus „Der letzte Sommer der Reichen“ hinzu, scheint ein alter Anspruch des queeren Kinos endlich eingelöst: Schwule und Lesben taugen nicht nur als tapfere Helden und leidende Opfer, sondern machen auch als zwielichtige Gestalten, verantwortungslose Trottel und überhaupt als Anti-Helden eine gute Figur. Zwar spielt ihre sexuelle Orientierung kaum mehr eine Rolle. Aber anderen Minderheiten sind sie damit weit voraus.

Bizarre10.2.: 22.30 Uhr, CinemaxX 7; 11.2.: 20.15 Uhr, CineStar 3; 12.2.: 20.45, Cubix 7+8

Nasty Baby 10.2.: 17 Uhr, Cubix 9; 14.2.: 22.30 Uhr; CinemaxX 7

I am Michael10.2.: 15.30 Uhr, CinemaxX 7; 11.2.: 14.30 Uhr, Cubix 9; 14.2.: 23 Uhr, Cubix 7+ 8