Niemand hasst die ominösen 68er mehr als deren eigene Kinder. Egozentrik, politische Verblendung, fatale sexuelle Libertinage – das sind die Hauptvorwürfe, die sich durch die Bekenntnisliteratur von 68er-Kindern wie Sophie Dannenberg und Katharina Wulff-Bräutigam zieht. Die autobiografischen Abrechnungen dieser ehemaligen Kommunenkinder erregten kein großes Aufsehen, sieht man davon ab, dass Dannenberg, die bürgerlich Kunkel heißt, sicher ein wenig vom Gerücht profitiert hat, das Buch könne von Otto Schilys Tochter stammen. Der Promi-Status zieht immer – das gilt für die Kinder von Nazigrößen ebenso wie für die vernachlässigten Kinder des „Roten Jahrzehnts“, in dem die Prämisse ausgegeben wurde, für Kinder sei es am besten, wenn man sie sich selbst überlasse.

Das etwa ist der Hintergrund, vor dem Oskar Roehler seine Kindheit im Berlin der Studentenunruhen verbrachte. Sein Vater war Klaus Roehler, der mehr soff als schrieb, Lektor von Uwe Johnson und Günter Grass. Seine Mutter war Gisela Elsner, in den 1960er-Jahren die erfolgreichste deutsche Schriftstellerin. Während Elsner seit geraumer Zeit wiederentdeckt, von einem Verlag gepflegt und in ihrem radikalen, boshaft funkelnden Witz gar als „ältere Schwester von Elfriede Jelinek“ gewürdigt wird, lässt der einst als Kind von der Mutter (und vom Vater) verlassene Sohn nicht nach, das Bild der Gisela Elsner durch seine Sicht von ihr zu prägen.

In „Die Unberührbare“ wandelte sie als gescheiterte Schriftstellerin und von der Mauereröffnung enttäuschte westdeutsche Kommunistin im Designer-Mantel durch das „waahnsinnige“ Berlin der Jahreswende 89/90. Nun, mehr als ein Jahrzehnt später, taucht sie als „Gisela“ auf: reich, schön, jung, begabt, aber hoffnungslos selbstdestruktiv.

Opfer ihres Schreibens

Man muss Gisela Elsner nicht vor dem eigenen Sohn in Schutz nehmen. Aber dass vom scharfen Verstand und der Eloquenz dieser Frau nichts in den filmischen Mutter-Imaginationen des Sohnes wiederzufinden ist, verwundert nicht weiter: Auch in „Quellen des Lebens“ begreift er sich als Opfer ihres Schreibens. In einer Szene wird das schreiende Kleinkind vor die Tür gesetzt, seine Klage mit dem lauten Geklapper der Schreibmaschine übertönt. Zigarettenrauch, der unter der Tür hervorquoll, war das einzige Signal ihrer Anwesenheit.

Das verletzte Kind schwingt in allem mit, was Roehler hervorbringt, und er ist dann am schlechtesten, wenn er sich von der eigenen Biografie entfernt. „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ wurde vor drei Jahren im Wettbewerb der Berlinale zu Recht verrissen. Der historische Stoff vertrug Roehlers Hang zum Melodram am wenigsten. Nun ist er zurückgekehrt zu seinem Kerngeschäft – zur Familie, zu Liebesgeschichten, in denen er nichts Politisches sehen will, bewahre.

Respektvolle Kritik

Schon während er seinen autobiografischen Roman „Herkunft“ schrieb, bereitete er dessen Verfilmung vor. 600 Seiten umfasst das Buch, die Kritik war respektvoll, wenn sie auch keine überragende literarische Qualität darin sah. Das Kino kommt Roehlers hysterischer Grundverfassung, die er sich selbst durchaus eingesteht, deutlich mehr entgegen. In seinem Kino der Übertreibung, der permanenten Übersteuerung, entstehen zwar Zerrbilder – sie machen das Monströse hinter der ordentlichen Fassade aber auch sichtbar. Seine Figuren fügen sich zum Schreckenskabinett der alten Bundesrepublik.

Da sind sie alle: Der vergrämte Biedermann, der in später Läuterung doch noch ein gutes Werk an seiner Frau tut. Der selbstherrliche Industrielle, der Willy Brandt einen „Vaterlandsverräter“ nennt. Die aufgedonnerten Gattinnen des Wirtschaftswunders und die entsagenden Hausfrauen mit Putzfimmel. Eingetaucht in eine giftige grün- und gelbstichige Farbigkeit entfaltet der Film seinen Sog.

Je älter allerdings die Hauptfigur Robert wird, desto schwächer wird das Drehbuch. Die verklärte Nostalgie der Bilder erinnert an Plattencover von Cat Stevens. Zu „Morning has broken“ dreht sich ein verliebtes Teeniepaar. Sonnenuntergang vor Einfamilienhaus auf der Grünen Wiese. Das ist das Schlimmste, was man 68er-Eltern antun kann.

Quellen des Lebens, Dtl. 2013. Buch & Regie: Oskar Roehler, Kamera: Carl-Friedrich Koschnick, Darsteller: Jürgen Vogel, Moritz Bleibtreu, Lavinia Wilson u. a.; 174 Minuten, Farbe. FSK ab 12.