Holger Waldenberger ist ins Haus der Berliner Zeitung am Alexanderplatz gekommen. Er ist etwa 190 Zentimeter groß, hat breite Schultern, einen mächtigen Kopf. Sehr freundlich, ein wenig schüchtern. Es werden ein paar Fotos hinter dem Haus und am Eingang zur Garage gemacht. Waldenberger scheint Spaß daran zu haben. Dann geht es hoch in mein Büro. Dort nimmt er auf einer Couch Platz. Das Aufnahmegerät liegt auf seinem Knie. Ich sitze ihm auf einem Hocker gegenüber. Draußen scheint die Sonne. Er hat eine Engelsgeduld mit mir und meiner Umständlichkeit.

Herzlich willkommen, Herr Waldenberger.

Moin, moin. Halten Sie viele fiese Quizfragen bereit. Ich brauche das als Nahrungsmittel, wenn ich zu wenig Info-Durchlauf habe, sing ich Helene-Fischer-Lieder oder lobe Heiko Maas.

Ich habe nur eine harmlose Quizfrage. Die stelle ich Ihnen aber erst am Schluss. Davor kommen Fragen wie diese: Sie kamen erstmals mit Quiz in Berührung, als Sie an einem Fernsehquiz teilnehmen wollten. Dann wurde die Sendung, bevor Sie zum Zug kommen konnten, abgesetzt. Wie hieß sie?

„Hopp oder Top“. Das war Anfang der Neunzigerjahre.

Sie waren Mitte zwanzig. Was reizte Sie am Quiz?

Mich reizte etwas an genau diesem Quiz, nämlich zu 70 Prozent, dass es ein sehr schnelles Buzzerquiz war, zu 20 Prozent, dass man über 100 000 D-Mark gewinnen konnte und zu zehn Prozent, dass es auf einem kleinen Sender lief, ich wähnte nämlich, Lampenfieber zu haben. Ich hatte zwar als Kind gern „Der große Preis“ gesehen und war vielseitig interessiert, eine Showteilnahme hatte mich aber nicht übermäßig fasziniert. Das Tempo von „Hopp oder Top“ aber tat es mir an. Und etwas ist mir im Verlauf des Lernens für die Sendung aufgefallen: Ich war auf der Schule aufgrund von Unterforderung depressiv geworden, und im Verbund damit ging es auch kognitiv bergab. Vom Klassenbesten kollabierte ich zu einem Zombie, der nur mit Ach und Krach sein Abitur schaffte. Ich war trotzdem sehr zuversichtlich, dass es nach der verhassten Schule bergauf gehen würde, musste aber zu meinem Entsetzen erfahren, dass ich weder vernünftig studieren konnte – ich musste BWL abbrechen – noch mir komplexere Dinge wie Fremdsprachen merken konnte. Die Schule hatte mich fertig gemacht, mein Hirn war nahezu schrottreif. Atomisierte Trivia gingen aber rein, und ich hatte einen Heißhunger auf Lernen wie nie zuvor. In der Schule wollte ich nichts lernen, nach der Schule alles. Und nur Trivia ging.

Was faszinierte Sie so bei „Hopp oder Top“?

Der Buzzer. Es war der fette rote Buzzer in der Mitte des kleinen Pults, hinter dem die drei Kandidaten saßen. Man konnte schon in die Frage hineinbuzzern, also „Was ist die Hauptstadt von...?“, bamm!, der Moderator sagt noch die erste Silbe, daraus kann man aufs Land schließen, „Hon...“ Honduras, also Tegucigalpa. Geil. Es musste genau diese Show sein, das Verdichtete daran, auch, dass man jedes Mal als Sieger seinen erspielten Haufen Knete verballern konnte, törnte mich tierisch an. Die Schnelligkeit. Der Wettbewerb. Die wechselnde Führung, vor allem, wenn der Zweitplatzierte auf ein Bonusfeld kommt und einen überraschenden Satz nach vorn macht. Adrenalin pur.

Wie gingen Sie beim Lernen vor?

Ich war total naiv und stellte mir das zunächst so vor: Ich habe keine Ahnung von Opern, also lese ich ein Buch über Opern. Wenn ich mir dann zwanzig Bücher zu den verschiedensten Wissensgebieten reingepfiffen habe, gehe ich hin. Also auf. Ich lernte ein Jahr, habe mir aber 500 Bücher reingezogen, nicht 20, kleiner Unterschied. Vor allem aber schrieb ich mir die Sachen auf. Ein faules Aas wurde wegen „Hopp oder Top“ sehr, sehr fleißig.

Sie haben Hefte angelegt?

Leitzordner. Einen ganzen Schrank voll mit Ordnern.

Sie ließen sich abfragen?

Nein. Ich habe alles allein gemacht. Ich habe mir die Sachen auch nicht nach Fragen geordnet, sondern systematisch in Listen. Bei New York zum Beispiel eine Liste der wichtigsten Museen. Das habe ich alles aufgeschrieben und in Ordner geheftet.

Dann ging es ins Casting.

Es war ein schriftlicher Test. 40 bis 50 Leute füllten je 100 Fragen aus, ich war gut 25 Punkte besser als der zweitbeste Kandidat. Mir wurde fest versprochen, dass ich drankommen würde, aber nur noch zwei aus der Gruppe kamen ins Fernsehen. Dann wurde die Sendung abgesetzt.

Gab es kein anderes passendes Quizformat für Sie?

Ich sah sehr gerne „Jeopardy“! 1994 brachte RTL die 30 Jahre alte US-Show nach Deutschland. Ich bewarb mich. Beim Test beantwortete ich bis auf eine alle Fragen richtig, sie wollten mich dabei haben, es war sehr seriös. Aber ich schrak dann doch davor zurück, dachte, Lampenfieber zu haben, insbesondere auf einem großen Sender wie RTL. Und es war nicht die gleiche Show, der Glücksanteil ist mit vier Risikofragen signifikant, und man kann nicht buzzern, wenn man will, sondern erst, wenn ein Licht leuchtet. Ich bekam kalte Füße und stieg aus, ein schwerer Fehler von mir, ich hätte es riskieren sollen.

Bei „Gefragt gejagt“ spielt das Adrenalin wohl keine Rolle. Man spielt ja nicht wirklich gegeneinander. Sie buzzern ja niemandem dazwischen.

Doch, anfangs war mir das Gewinnen sehr wichtig, und ich spiele am Schluss gegen einen Punktestand von meist mehreren Kandidaten, da muss man schon schnell sein. Für mich ist die letzte Runde spannend. Wenn ich in zwei Minuten 18 bis 20 Fragen richtig beantworten muss, weil die Kandidaten so viel vorgelegt haben, dann kommt es sehr auf die Geschwindigkeit meiner Antworten an. Wenn ich nach dem Komponisten der „Zauberflöte“ gefragt werde, eine sehr leichte Frage, sollte ich nicht – völlig korrekt, aber zeitfressend – mit Wolfgang Amadeus Mozart antworten. Ich muss „Mzrt“ ausstoßen, damit es sofort weitergeht. In einer solchen Runde bade ich in Adrenalin. Vorher die Fragen, bei denen man an der Frageleiter die Wahl zwischen drei Möglichkeiten hat, sind viel ruhiger. Aber sie sind oft sehr anspruchsvoll und haben auch ihren Reiz. Bei „Gefragt gejagt“ habe ich mein festes Honorar, es ist also nicht finanziell wichtig für mich, sondern rein sportlich, es ist kein „Hopp oder Top“.