"Quizduell" in der ARD: Zweite Chance für Pilawa-Show

Es ist schon ein tückisches Ding, dieses Internet. Es verändert Seh- und Lesegewohnheiten, gibt altehrwürdigen Medien Rätsel auf und zwingt unzählige kreative Köpfe dazu, mit wechselndem Erfolg darüber zu sinnieren, was man jetzt bitte schön mit diesem ganzen Online-Kram anfangen, wie man darauf reagieren soll. Neue Ideen müssen her, smarte Lösungen, zum Beispiel: das Quizduell fürs Vorabendprogramm der ARD. Jetzt nur mal so als Beispiel.

„Quizduell“ ist ein Spiel, das unter Nutzern mobiler Endgeräte seit geraumer Zeit massiv für Furore sorgt. Mehr als 23 Millionen Menschen weltweit haben die App auf ihr Smartphone geladen, um online gegen Freunde oder Fremde anzutreten. Das gute alte Ratespiel, transportiert in die digitale Moderne – bei der ARD löste das Begehrlichkeiten aus. Mit Quiz kennt man sich aus, eine Quiz-App ist herrlich neumodisch, ein verstaubtes Image hatte man lange genug, und zack! Startete Deutschlands erster Fernsehsender am Montag ein bis dahin nie gesehenes Experiment: Zum ersten Mal sollte ein Studioteam live gegen den angeblich intelligenten Schwarm der Internet-Nutzer antreten. Schade nur, dass es beim „sollte“ blieb.

Der Server brach zusammen

Am Studio-Team lag es nicht. Vier Lehrer standen da, rieten nach Kräften, erspielten 22 000 Euro, und um diese Summe sollte es jetzt gehen im Duell gegen die Online-Rater – theoretisch zumindest, denn es geschah das, was laut Quizmaster Jörg Pilawa keiner für möglich gehalten hätte: Der Server brach zusammen. Über 180 000 User hatten nach dem Download der erweiterten „Quizduell“-App ein Profil angelegt.

Dennoch will die ARD an dem Showkonzept festhalten. „Zur Premiere hatten wir einige Pannen, vor allem aber haben wir eine unterhaltsame Quiz-Show mit einem hervorragenden Moderator gesehen“, teilte der ARD-Vorabendkoordinator und NDR-Programmdirektor Frank Beckmann am Dienstag mit. „Das Risiko war hoch, das war allen Beteiligten klar. Die Idee des ‚Quizduells‘ bleibt aber gut – wir bleiben dran.“

Die Erklärung Pilawas: Ein einziger Hacker habe auf einen Streich 15 000 Server abgeschossen, darunter auch den, den man gerade so dringend brauchte. Was also tun? Pilawa entschied sich zunächst für die Anwendung von Humor, erklärte „Wir spielen klassisches Quiz ohne App“, das Wörtchen „App“ in literweise Süffisanz eingelegt. Was den ARD-Vorabend in eine neue Dimension katapultieren sollte, wurde im Verlauf der Sendung und in Pilawas Sprachgebrauch zum „Quizduell unplugged“, nach einer Werbepause begrüßte der Moderator das TV-Publikum gar zum „Fernsehen der 70er- und 80er-Jahre“.

Zur Not mit Handzeichen

Und das traf es irgendwie, denn das Studio-Team spielte auf einmal nicht gegen Smartphone-User, sondern gegen das Studiopublikum, das auf nicht ganz so moderne Knöpfe drücken musste. Zur Not hätte es auch mit Handzeichen kenntlich machen können, ob es nun Antwort a), b), c) oder d) für die richtige hielt. Das können auf ganz Deutschland verteilte Internet-User eher nicht so gut. Tatsächlich müssten sich die Online-Mitspieler noch nicht einmal die Sendung angucken, um ins Geschehen einzugreifen.

Genau das könnte für die TV-Show zur Krux werden, fernab aller Server-Probleme. Mit dem Ersatzrateteam konnte Pilawa scherzen und plaudern, er bekam unmittelbar mit, wie es auf seinen Spott über falsche Antworten reagierte. Klingt profan, aber sobald das Studio-Publikum wieder durchs Online-Volk ersetzt wird, entfällt das. Vom Online-Volk erfährt man im günstigsten Fall, für welche Antwort es sich mehrheitlich entschieden hat.

Da mögen die Senderverantwortlichen noch so stolz auf ihr hochmodernes Spielmodell sein: Auf dem TV-Bildschirm schlägt die Interaktion zwischen physisch präsenten Menschen das interaktive Spiel zwischen zwei Teams, von dem eines anonym, stumm und ungesehen bleibt, um Längen – zumindest so lange, wie man nur zuguckt und nicht selbst mitspielen möchte.

Den von Hackern vermiesten Start des „Quizduells“ sahen nur 1,61 Millionen Zuschauer, der Marktanteil betrug 9,1 Prozent. Trotzdem soll das Experiment bis zum 30. Mai fortgesetzt werden, an jedem Wochentag. Der galgenhumorige Pilawa wollte indes nicht ausschließen, dass „Verbotene Liebe“ schon eher wieder auf den Bildschirm zurückkehrt, des Servers wegen, womöglich mache man ja erst im nächsten Jahr irgendetwas mit einer App. ARD-Vorabendkoordinator Frank Beckmann ließ gleich nach der verunglückten Premiere tapfer wissen, die Ursachenforschung laufe auf Hochtouren – von einem gemeinen Hacker, den Pilawa kurz vorher noch ins Studio eingeladen hatte, war da irritierenderweise nicht mehr die Rede. Des Moderators Fazit: „Das war der Versuch, die App ins Fernsehen zu holen. Das ging mächtig in die Hose.“ Es ist halt ein tückisches Ding, dieses Internet.