Die New York Times nannte die britische Autorin Rachel Cusk die „klügste Schriftstellerin unserer Zeit“. Ihre Buchtrilogie, die sie im vergangenen Jahr mit dem Band „Kudos“ beendete, bejubelte das amerikanische Magazin New Yorker als die „Neuerfindung des Romans“. Der britische Guardian rätselte, warum sie bisher noch keinen der großen Literaturpreise gewonnen hat. Auch in Deutschland wächst die Zahl ihrer Fans.

Dass Rachel Cusk von den Kritikern derart gefeiert wird, ist ein eher neues Phänomen. In ihrer Heimat Großbritannien wurde sie schon viel früher berühmt, und zwar mit ihren autobiografischen Büchern, in denen sie ihre Erfahrungen als Schwangere und Mutter sowie ein paar Jahre später das Scheitern ihrer Ehe verarbeitete. Ihr schonungslos offener Umgang mit beiden Themen wurde ihr als Narzissmus ausgelegt und machte sie zu einer medialen Reizfigur. „A Life’s Work. On Becoming A Mother“ wird im Herbst, fast zwanzig Jahre später, unter dem Titel „Lebenswerk. Über das Mutterwerden“ auf Deutsch bei Suhrkamp herauskommen.

Wir treffen Rachel Cusk, 52, als sie kürzlich in Berlin zu Gast ist, um „Kudos“ vorzustellen. Als sie die Lobby im Sofitel am Kurfürstendamm betritt, wo sie untergebracht ist, glänzt ihr Haar noch nass von der Dusche, sie trägt Schlappen und wirkt eher schüchtern, jedenfalls nicht wie eine Autorin, die gerade als eine der ganz Großen der Gegenwartsliteratur gehandelt wird.

Wir haben beide Ihr Buch „A Life’s Work“ gelesen, als wir vor wenigen Jahren Mütter wurden. Darin beschreiben Sie, wie schwer Ihnen die Umstellung auf ein Leben mit einem Baby gefallen ist. Wir hatten beide das Gefühl: Endlich spricht jemand aus, wie wir uns fühlen. Ihr Buch ist 2001 erschienen. Haben Sie eine Idee, warum es Müttern heute immer noch so viel gibt?

Jede neue Generation von Müttern hat das Gefühl, dass noch niemand zuvor etwas über Mutterschaft gesagt hat. Natürlich gab es auch schon vorher feministische Literatur, die sich mit dem Thema befasst hat. Ich habe versucht, die Ambivalenz des Mutterseins darzustellen. Dass sich davon so viele Menschen angegriffen gefühlt haben, hat mich überrascht.

Als Ihr Buch damals in England erschien, gab es heftige Reaktionen. Ihnen wurde vorgeworfen, dass Sie das Mutterwerden als zu negativ beschrieben, zu viel jammern. Besonders Frauen reagierten mit Ablehnung.

Im Rückblick überrascht mich das nicht mehr. Ich habe das Buch geschrieben, als meine erste Tochter ein Jahr alt war und ich bereits schwanger war mit meiner zweiten Tochter. Ich lebte damals sehr abgeschieden, ich wusste nicht, wie tabu dieses Thema ist. Was ich geschrieben habe, hat es anderen Frauen leicht gemacht, zu sagen: Mit der stimmt doch was nicht. Mag sein, dass sie sich so fühlt – ich tue es nicht. Ich fand den seelischen Zustand in der ersten Zeit als Mutter interessant, dieses gleichzeitig Ich-selbst-Sein und Nicht-Ich-selbst-Sein. Als Schriftstellerin ergab es sich, darüber zu schreiben. Männer erleben das auch – wenn auch nicht auf dieselbe Weise, denn eine Frau hat einen Körper, der ihr gehört, der aber auch dem Kind gehört, diese Erfahrung machen Männer nicht.

In den 60er-Jahren hat Doris Lessing ihre Familie verlassen, um als Schriftstellerin arbeiten zu können. Sie wurde damals dafür nicht so verteufelt wie Sie. Eine Kritikerin nannte Sie „Großbritanniens schlechteste Mutter“. Können Sie sich erklären, warum sich die Haltung gegenüber Müttern so verändert hat?

Doris Lessing hat etwas gemacht, was damals viele Schriftstellerinnen machten: Sie hat sich abgesetzt, Weiblichkeit im Sinne von Häuslichkeit, Mutterschaft und Tradition hinter sich gelassen, um sich selbst als Intellektuelle zu retten. Sie hat die Seite gewechselt in eine Welt der männlichen Werte, um dort ihre Arbeit zu machen. Vermutlich hat sie innerlich schrecklich gelitten, aber diesen Teil von sich hat sie im Prinzip getötet. Ich habe versucht, beide Rollen zu leben, und ich habe mir damit das maximale Leid zugefügt. Mittlerweile sind meine Töchter 18 und 19 Jahre alt, und sie sind überzeugte Feministinnen.

Unterscheidet sich der Feminismus Ihrer Töchter von Ihrem? Halten sie Gleichberechtigung für selbstverständlich?

Nein, das tun sie nicht. Manchmal schaue ich sie an und denke, ich hätte so sein sollen wie sie. Und das ist ein befriedigendes Gefühl. Das feministische Kind einer feministischen Mutter zu sein, ist viel besser, als wenn ein feministisches Kind seine Mutter abweisen muss. Ein unergründliches Problem für Frauen ist ja, dass jede Generation ein Leben führt, das komplett anders ist als das ihrer Mütter. Das Urteil ihrer Mütter aber bleibt. Von uns wird erwartet, dass wir anders sind, aber gleichzeitig, dass wir dasselbe tun wie sie. So viele Frauen in meinem Alter sind in diesem Mechanismus gefangen, im Wesentlichen zwei Personen zu sein. Mir geht das genauso. Meine Töchter sind mit sich im Reinen, insbesondere, wenn es um ihre Weiblichkeit geht. Sie quälen sich nicht.

Frauen glauben oft: Wenn du erfolgreich sein willst, musst du wie ein Mann leben, wie ein Mann reden, wie ein Mann trinken, du musst deine Weiblichkeit unterdrücken. Haben Ihre Töchter mehr Selbstbewusstsein?

Frauen in meinem Alter denken, sie müssten perfekte Frauen sein und außerdem kompetent und erfolgreich. Ich verstehe das. Auch wenn es bedeutet, dass du zwei Leben führst und doppelt so viel arbeiten musst wie die anderen, erscheint es mir besser als die Alternative.

Die Alternative wäre, nur Mutter zu sein?

Genau. Ich sehe es als eine Errungenschaft, sich selbst zu verwirklichen, die kann uns nicht genommen werden.

Der Schock, Mutter zu werden, der ist vielleicht derselbe geblieben, seit Sie Ihr Buch geschrieben haben. Vielleicht ist er sogar größer geworden, eben weil heute erwartet wird, dass Frauen sich selbst verwirklichen – und dabei natürlich auch als Partnerin interessant bleiben. Gibt es eine Alternative zu dieser andauernden Überforderung?

Ich habe viel darüber nachgedacht in den vergangenen Jahren: Wenn man ein Baby bekommt, hat man keine Ahnung, wie man es halten, wie man mit ihm umgehen soll. Vielleicht ein bisschen wie jemand, der seinen ersten Job hat und glaubt, er müsse alle davon überzeugen, dass er weiß, was er tut. Mutterwerden hat viel davon. Gleichzeitig denkt man, dass niemand anders auf das Baby so gut aufpassen kann, man will es nicht loslassen. Es ist eine Zeit extremer Subjektivität. Wenn ich noch mal ein Kind kriegen würde, würde ich es viel mehr seinem Vater überlassen. Es geht ums Delegieren. Anderen Leuten zu erlauben, sich zu verändern. Aber das alles ist lange her, ich habe gar nicht erwartet, dass wir darüber sprechen würden.

Haben Ihre Töchter Ihre Memoiren gelesen?

Ich weiß es gar nicht genau, eine der beiden, glaube ich.

Sie haben nicht darüber diskutiert?

Nein.

Haben sie Sie nicht gefragt, warum Sie darüber schreiben mussten, dass Sie in der ersten Zeit mit ihren Kindern so gelitten haben?

Bücher sind wichtig für mich, aber den meisten Menschen sind sie nicht besonders wichtig. Ich würde nicht wollen, dass meine Kinder Bücher wichtig finden, wenn sie das nicht von sich aus tun. Wenn meine Töchter jemals sagen würden: Wie konntest du so viel Persönliches schreiben? Das würde mich sehr wütend machen. Dagegen würde ich mich wehren. Ich kann machen, was ich will. Sie hätten auch die Kinder von Theresa May sein können, man kann sich das nun mal nicht aussuchen. Es geht in meinen Büchern auch nicht um meine Kinder. Meine Schreibtechnik funktioniert so, dass ich autobiografisches Material nehme, das sehr sorgfältig zusammengesetzt wird, ich schreibe mir nichts von der Seele. Ich nehme mich selbst als Beispiel, stelle aber niemanden bloß.