"Eine alltägliche Geschichte" von Iwan Gontscharow. Regie: Kirill Serebrennikov.
Foto: Alex Yocu

BerlinZuerst einmal ein Schock und laute Schreie. Sie kommen aus dem Dunkel des albanischen Nationaltheaters in Tirana, das es heute schon nicht mehr gibt, weil es in den frühen Morgenstunden des 17. Mai diesen Jahres einfach abgerissen wurde. Die Schreie stammen von Besetzern und den gewaltsam eindringenden Polizisten, die den Abrissbaggern den Weg freiräumen sollten, damit die kulturelle Herzkammer des Landes zugunsten lukrativer Büro- und Geschäftstürme weichen konnte.

Seit zwei Jahren schon protestierte ein Großteil der albanischen Zivilgesellschaft gegen den von Regierungschef Edi Rama vorangetriebenen Abriss, nun schaffte der Fakten im Handstreich. Wie tief diese quasidiktatorische Staatsaktion in das Gefühlsleben der fassungslosen Menschen einschneidet, was ein Theatergebäude für eine Stadt und ein ganzes Land bedeuten kann, das sieht man in den erschütternden Bildern eines zehnminütigen Videos, das die Aktivistinnen Lindita Komani und Doriana Musai während der Nachtaktion mit ihren Handys auffingen.

Am vergangenen Wochenende konnte man das verzweifelte Ruckelvideo aus der Gewaltwirklichkeit Europas im digitalen Festivalprogramm des Deutschen Theaters anklicken und auf den zweifellos eindringlichsten Beitrag des in diesem Jahr besonders aufwendig digitalisierten Radar Ost Festivals treffen.

Getrieben von den coronabedingten Spielverboten hat sich das DT kurzerhand von den versierten CyberRäubern eine Benutzeroberfläche bauen lassen. Durch diese konnte man in jeder Hinsicht sorglos in die künstlich nachgezeichnete Virtualarchitektur des DT eintreten, sie vom Keller über die Schauspielergarderoben bis zum Rangfoyer durchstreifen und dort nach abgelegten Livestreams und Theatervideos suchen. Ein Meisterwerk von digitalem Schmuckkästchen ist es tatsächlich geworden, in dem das so menschen- wie tränenreiche, schrille Tirana-Video nun doppelt schockiert, weil es in seiner drastischen Verletzlichkeit und dem Verlust des dortigen Hauses plötzlich den größtmöglichen Kontrast bildet zu der perfekt abgedichteten, unverletzlich scheinenden, vor allem menschenlosen Luxusoberfläche des gefälligen Neu-DT. Was ist uns eigentlich noch Theater in dieser aseptischen Überhülle? Das fragt man sich schärfer denn je durch die Pixel.

Dass nach der monatelangen Schließung das DT noch etwas Besonderes auf die Beine stellen wollte, bevor es in den Sommer geht, ist grundverständlich. Und wie visuell spektakulär das Cybertheater dann tatsächlich geworden ist, überrascht auch positiv. Wer die hermetischen Totaltheaterburgen von Vegard Vinge und Ida Müller kennt, der wird sich in Stil und Form ein bisschen an sie erinnert fühlen. Alles sehr real, und doch leihen zerfließende Wände und schiefe Böden der Detailakuratesse gewisse Lebendigkeit. Und dennoch blieb man, wenn man mithilfe seines schleifenden Cursors vom virtuellen Vorplatz ins Innere eingetreten war, vielleicht mal über die Kantine durch die Unterbühne zur Hauptbühne vordrang, immer in einem kalten, in sich abgeschlossenen Kunstraum, auch wenn überall in den Ecken Videos mit Ausschnitten oder Kurzadaptionen der abgesagten Gastspiele sowie die Streams dreier großer Stückinszenierungen warteten.

Für sich genommen hatten all diese Vorstellungen auch großen Charme: Kiril Serebrennikows radikal dunkle, gegenwartsatte Inszenierung von Iwan Gontscharows ironischem Bildungsroman „Eine alltägliche Geschichte“ bewies einmal mehr das Talent des Regisseurs, in alten Stoffen aktuelle Feuer zu entzünden. Denn sein naiver Weltverbesserer Sascha Adujew kommt hier wie ein Fridays-for-Future-Aktivist in das raubtierkapitalistische Moskau seines Onkels Pjetr. Langsam lernt er, die menschlichen Gefühle gegen den Zynismus des Geschäfts einzutauschen. Wie auch Timofej Kuljabins wunderbar vitale Aktualisierung des Puschkin-Klassikers „Onegin“ aus Nowosibirsk stützt sich Serebrennikow auf starke Schauspieler, die mit wenig szenischem Aufwand, aber viel körperlicher Energie und choreografischer Dichte schlanke, bildstarke Dreistünder hinlegen.

Und schließt man von den kurzen Stückvorstellungen auf ihre Vorlagen, dann hätte man auch letztere gerne gesehen, wobei nur das rasant witzige Menstruationsstück „28 Tage“ von Olga Shilyaeva besonders erwähnt sein soll. Hier sezieren eine Märchenprinzessin und ein weiblicher Arbeiterchor in einem grotesken Lang-Rezitativ die sozialen und biochemischen Phasen angeblicher Weiblichkeit. Dem wortreichen Sarkasmus antwortete das Tableau Vivant „Queendom“ von Veronika Szabo im Spiegelfoyer mit stummer Meditation. Sieben nackte Frauen ziehen darin die Blicke auf sich und werfen sie sogleich mit ihren eigenen eisigen Augen zurück. Am Ende sind ihre Körper selbst nichts als Augen.

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