Radau bei Young Euro Classic: Mit der Exaktheit von Maschinen

Auch im Konzertsaal ist heute noch der Skandal möglich. Es kam am Sonntagabend bei Young Euro Classic im Konzerthaus zwar nicht zu Handgreiflichkeiten wie vor hundert Jahren etwa bei der Uraufführung von Strawinskys „Sacre du printemps“. Aber es wurde doch immerhin wütend mit den Türen geschlagen, in den Saal hineingerufen, gebuht, gepfiffen und dazwischen geklatscht, um das offenbar entsetzliche Stück vorzeitig zu beenden. Die sich da so rüpelhaft benahmen, waren – man muss es leider sagen – vor allem ältere Menschen. Und was sie so in Rage brachte ein Werk des Minimal-Music Komponisten Steve Reich für zwei Marimbaphone. Es schien dann auch völlig egal zu sein, dass es sich bei den beiden Schlagzeugern um junge Nachwuchsmusiker des Schleswig-Holstein Festival Orchesters handelte, denen man als Zuhörer doch zumindest mit gutem Willen begegnen sollte. Es wurde Radau gemacht.

Warum die Aufregung? Steve Reichs „Piano Phase“ ist ein Werk, das mit der ständigen Wiederholung einer Reihe aus zwölf Tönen arbeitet. Zunächst spielen die beiden Musiker diese Reihe unisono, bis einer von ihn das Tempo beschleunigt und eine Phasenverschiebung herbeiführt: Die beiden Reihen werden dann zunächst um einen Ton verschoben gespielt, später um zwei Töne verschoben, um drei Töne – bis nach zwölf Verschiebungen wieder das Unisono erreicht ist. Effekt bei der ganzen Sache ist, dass aus dem Einerlei heraus schwer ortbare Interferenzen entstehen: seltsam schwebende Rhythmen, überraschende Betonungen einzelner Noten, Obertongezirpe. Das erinnert an Licht, das auf einer welligen Wasseroberfläche reflektiert wird: es glänzt scheinbar immer gleich, pulsiert in Wahrheit aber doch in feinen Nuancen.

Meditative Haltung

Um das als Hörer hinter dem vorderhand Ewiggleichen wahrzunehmen, bedarf es einer fast schon meditativen Haltung. Mit diesem Anspruch war ein Teil des Publikums an diesem Abend offenbar überfordert. Zur schwachen Entschuldigung: Das extrem schwer zu spielende Stück gelang den beiden jungen Schlagzeugern nicht ganz optimal. Das Tempo, in dem die Tonreihe gespielt wird, ist schnell. Um Verschiebungen um genau einen Ton herbeizuführen und diese auch beizubehalten, braucht es fast schon maschinenartige Exaktheit. Ungewollt oft kehrten die Spieler wieder ins Unisono zurück und verstärkten dadurch den Eindruck, hier würde minutenlang nicht viel passieren. Die Ehre des Berliner Publikums wurde übrigens von einer enthusiastisch applaudierenden Mehrheit am Schluss von „Piano Phase“ wiederhergestellt.

Die anderen Stücke für Schlagzeugensemble im ersten Teil des Abends waren dann schon erstaunlich widerspruchsfrei aufgenommen worden – obwohl besonders Dennis Kuhns „Okseano“ einen Höllenlärm machte, dass hier tatsächlich Gefahr für den Hörgerätpegler bestanden haben dürfte. Gespielt wurde das von den sechs Schlagzeugern des Schleswig-Holstein Festival Orchesters exzellent: mit unerschrockener Kraft, Exaktheit und viel Sinn für den Klangfarbenreichtum der verschiedenen Schlaginstrumente.

Es folgten Carl Orffs „Carmina burana“ mit dem Schleswig-Holstein Festival Chor unter Leitung von Rolf Beck. Gespielt wurde eine Fassung des Stückes mit zwei Klavieren und verschiedenem Schlagwerk anstelle eines ganzen Orchesters. Das steht dem Stück nicht schlecht, das Monolithische dieses Werkes wird etwas abgeschwächt, die Klangmassen erschlagen nicht mehr. Der Chor sang nach leichten Anlaufschwierigkeiten mit fein ausgearbeiteter Klarheit, Tenor Benjamin Bruns beeindruckte im Lied des gerösteten Schwans mit skurrilem Humor wie mit seiner wunderbar lyrischen Stimme – und am Ende war dann auch tatsächlich der ganze Saal zufrieden.