Die Kulturschmiede in Radebeul, Sitz des Kulturamts. 
Foto:  dpa/André Wirsig

BerlinDie am Montagabend gewählte Kulturamtsleiterin der Stadt Radebeul ist promovierte Romanistin und war einige Jahre in der Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Berlin tätig. Gabriele Lorenz ging 2005 nach Sachsen zurück, wo sie geboren wurde und arbeitete in der Stadtverwaltung von Annaberg-Buchholz als Sachgebietsleiterin im Fachbereich Kultur, Tourismus und Marketing. Von Sachverstand darf man also ausgehen bei ihr. Doch wird noch viel mehr noch von Lorenz erwartet. Sie soll Brücken da bauen, wo in kurzer Zeit ein Graben aufgerissen ist, der überregionale Bekanntheit erreicht hat.

Foto: Stadt Radebeul
Zur Person

Gabriele Lorenz, geboren 1961 in Schlema, studierte in Mainz Romanistik, Germanistik und Ethnologie, unterrichtete an der Universität Nancy und promovierte in Mainz mit einer Arbeit zur Entwicklung des konservativen Denkens in Frankreich. Von 1995 bis 2004 arbeitete sie in der Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Bonn und Berlin, 2005 ging sie nach Annaberg-Buchholz und arbeitete in der Stadtverwaltung.

Am 20. Mai hatte sie sich schon einmal zur Wahl gestellt für diesen Posten und war dem Schriftsteller Jörg Bernig knapp unterlegen. Nicht nur in dem bei Dresden gelegenen Radebeul, auch in München, Berlin und Hamburg standen Bernigs Texte zur Debatte –  seine Reden und in Essays. Er veröffentlicht etwa in der neurechten Zeitschrift Sezession. Bernig unterstellte 2015 der Regierung und den Medien gegen das Volk zu arbeiten, entdeckte er im Jahr darauf einen „Gesellschaftsumbau“.

Es gab einen offenen Brief gegen ihn und Solidaritätserklärungen für ihn, es gab ein Gespräch mit ihm und dem Musiker Günter Baby Sommer aus dem Vorstand des Radebeuler Kulturvereins, moderiert vom sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Der Oberbürgermeister Radebeuls Bert Wendsche forderte den Stadtrat auf, seine Entscheidung zu überprüfen, weil er fand, dass die Polarisierung der Debatte sich nachteilig für die Stadt ausgewirkt hatte.

Nun hofft er auf das verbindende Geschick und die Amtserfahrung von Gabriele Lorenz. Und der ganze Vorgang zeigt, wie mühsam Politik auch im kleinen Rahmen ist. Liest man die von Jörg Bernig verbreitete Erklärung zur Absage an eine zweite Wahl, findet man darin starke Worte von einem „Menetekel der Beschneidung von Freiheit, der Verhinderung von Vielfalt“. Indem man Äußerungen aus seinen Reden zitiere und diese bewerte, würde man sein Werk verkennen. Doch hatte er sich nicht um einen Literaturpreis beworben, sondern um ein kulturpolitisches Amt. Da muss man auf seine Reden schauen und nicht auf seine Dichtung.

Bernig schreibt auch von seiner Hoffnung, „dass wir einander auf dem kulturellen Feld mit Offenheit, Interesse, Kenntnis und Anerkennung begegnen und damit der Zerrissenheit unserer Gesellschaft entgegen steuern.“ Das ist doch ein Anfang. Man braucht kein Amt, um sich in einer Stadt zu engagieren, seinem Wunsch nach Verständigung kann Jörg Bernig auch als Bürger und Autor folgen. Der Bürgermeister ging voran. Im Namen der Stadt und der Stadtverwaltung entschuldigte er sich bei beiden Bewerbern für die öffentliche Beschädigung.