Radebeul, eine schöne Stadt in Sachsen
Foto: Imago Images/Arvid Müller

BerlinJörg Bernig ist Autor mehrerer Bücher, gehört dem PEN-Zentrum Deutschland an und ist Mitglied dreier Akademien. Sein lyrisches und erzählerisches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Doch so oft wie dieser Tage stand sein Name noch nicht auf Webseiten, in Zeitungen, Agenturmeldungen.

Das liegt daran, dass er ein neues Arbeitsfeld betritt. Jörg Bernig wurde am Mittwoch vergangener Woche in der 34.000-Einwohner-Stadt Radebeul nördlich von Dresden zum Kulturamtsleiter gewählt. Sächsische Medien berichteten am Wochenende von einem offenen Brief gegen Bernigs Wahl, in dem 135 Unterzeichner von „fatalen Folgen für die Stadt, deren Bewohner und die einzigartige Kulturlandschaft“ warnen.

Was ist passiert? Ist nicht gerade ein Schriftsteller ideal, um für die Kultur der Stadt zu wirken?

Problematisch ist die Position Bernigs zu einigen Fragen der gegenwärtigen Politik. Er griff mehrfach die Entscheidungen von 2015/16 an, die Schutzsuchenden aus Kriegs- und Krisengebieten in Deutschland Aufnahme gewährten. Im September 2016 hielt er in der Reihe der „Kamenzer Reden“, in der auch Friedrich Schorlemmer und Eva Menasse auftraten, den Vortrag „Nur Mut…“.

Darin sprach er von der „Selbstherrlichkeit einer Bundeskanzlerin, die gleich einem Feudalherrscher agiert und regiert“. Er entdeckte „Gesellschaftsumbau“. Und er behauptete wie so viele, die man seit den Pegida-Umzügen hört, dass man manches nicht mehr sagen dürfe. Seinen 2014 veröffentlichten Roman „Anders“ habe er geschrieben, „weil ich beobachtet hatte, dass in Deutschland die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen immer militanter geführt wurde, mit immer unverhohlenerer Absicht, den Anderen fundamental zu beschädigen“.

Ich weiß nicht, wie es Jörg Bernig damit ergangen ist, wenn er seine Ansichten äußerte. Niemand hat sie verboten. Der Roman „Anders“ ist lieferbar, ebenso jüngst in der Edition Buchhaus Loschwitz publizierte Essays. Nun ist es aber das eine, eine politische Meinung öffentlich zu vertreten und das andere, ein öffentliches Amt zu bekleiden. Der Protest richtet sich nicht gegen ihn als Schriftsteller oder Mann von der Straße, sondern gegen ihn als Amtsperson, zuständig für Kulturpolitik.   

Das PEN-Zentrum, dem das Asylrecht als höchstes Gut gilt, fragt Jörg Bernig auf dem Weg einer Presseerklärung, inwieweit er seine Verpflichtung gegenüber der PEN-Charta wahrnehmen kann. „Der deutsche PEN als Mitglied im internationalen PEN wendet sich mit aller Schärfe gegen nationalistische Bewegungen, insbesondere gegen Positionen, wie sie AfD, Pegida und ähnliche Gruppierungen vertreten.“

Nach Recherchen des MDR gehörte der Dichter nicht zu den rund fünfzig Bewerbern um das Amt. Die CDU soll ihn ins Spiel gebracht haben, für die Wahl waren auch die Stimmen der AfD nötig.