Renate Graziadei in ihrem Solo „In the land of small details“.
Foto: Phil Dera

BerlinEin Spaziergang mit einem kleinen Kind, könnte einen zu der Vermutung führen, dass Erwachsene in ihrem Leben zwar weiter rumkommen, aber eigentlich weniger von der Welt sehen. Dort lockt ein Käfer, hier ein Steinchen und da hinten – obwohl es doch eigentlich gerade in die andere Richtung ging – muss unbedingt noch ein Blatt eingesammelt werden. Die Frage, ob solche Kleinmenschen nicht reichlich unökonomisch agieren, wäre berechtigt. Doch verbirgt sich in ihrem zweckfreien Handeln auch eine Qualität. Der wiederum ist in einer Zeit, in der die Uhren immer auf fünf vor zwölf zu stehen scheinen, durchaus etwas abzugewinnen.

„In the land of small details“

In einem Kreuzberger Hinterhof liegt das Studio von Laborgras. Große Fenster erlauben den Blick hinein: Renate Graziadei und Arthur Stäldi stecken gerade mitten in der Probe für ihr neustes Stück. Das Solo „In the land of small details“, getanzt von Graziadei, widmet sich den leisen Tönen des Lebens. Und mit denen kennt sich das Duo, das sich 1994 in Hamburg gründete und auch im Leben ein Paar ist, aus.

Als ein Nichts-Tun im besten Sinne lässt sich der Bewegungsansatz von Graziadei und Stäldi beschreiben. Sie erlauben sich, einer inneren Bewegungslogik zu folgen. Bewegungen werden also nicht von außen gesetzt, wie es beispielsweise im klassischen Tanz der Fall ist, sondern entstehen in einem höchst aufmerksamen Austausch mit den anatomischen Möglichkeiten des Körpers – eine sorgfältige Praxis des Loslassens, die kein Detail übergeht und sich zugleich äußerlichen Ansprüchen eines Höher, Schneller, Weiter sanft entzieht.

Solch einem Bewegungsprinzip zu folgen, so Stäldi, sei eigentlich jedem Menschen möglich, weil es dafür keines harten Körpertrainings bedürfe wie im Ballett. Doch wenn man Renate Graziadei – die seit 15 Jahren für Sasha Waltz als Probe-, Trainingsleiterin und Tänzerin tätig ist – in den Proben beobachtet, wird schnell klar, dass es auch hierzu viel Übung braucht: Mit enormer Wachheit navigiert die Tänzerin, durch ihren Körper. Der Trick dabei? – Eine Sicherheit in der Unsicherheit zu finden.

Tanz studiert hat die Österreicherin Renate Graziadei einst in New York, wo sie sich einer Compagnie anschloss. Später gehörte sie dem renommierten S.O.A.P. Dance Theatre in Frankfurt am Main an und der Gruppe COAX in Hamburg. Hier lernte sie Arthur Stäldi kennen, der die Gruppe damals mit der Tänzerin Rica Blunck leitete.

Sie tanzt, er übernimmt die Dramaturgie

Im heutigen Zweierkollektiv bei Laborgras teilen sich Graziadei und Stäldi die Aufgaben: Idee, Konzept und Choreografie. Sie tanzt, und er übernimmt die Dramaturgie. Alles andere als sicher sind dabei die Arbeitsbedingungen: Das Studio mit WC und Dusche, Bar und Tanzboden haben die beiden beim Einzug 2002 selbst eingebaut. Heute sind die Wände des Gebäudes, in dem die links engagierte Oktoberdruck AG einst ihren Sitz hatte, marode und benötigen dringend einer Sanierung. Selbst übernehmen wollen Graziadei und Stäldi diese Arbeit eher nicht. Die prekären Mietbedingungen, die auch in Kreuzberg üblich geworden sind, hemmen ihr Engagement in dieser Richtung.

Künstlerisch scheinen sie sich von unsicheren Lebensumständen aber nicht übermäßig beeinflussen zu lassen. Denn für 2020, wenn das Duo sein 20-jähriges Berlin-Jubiläum begeht, ist bereits eine weiteres Stück mit Titel „Das Fest“ (Arbeitstitel) geplant. Zum Jahresende wird Graziadei im Solo „In the land of small details“ aber erst einmal verschiedene Körper- und Gefühlzustände erproben. Unter anderem, indem die Tänzerin in ein Kostüm schlüpft, dass ihr Körpervolumen verdoppelt. Einen Testlauf auf der Straße hat sie bereits gemacht und dabei erfahren, wie leicht sich Perspektiven auf die Welt verschieben lassen.

In the land of small details

29.–31.12., Radialsystem
Karten unter Tel.: 030/288 788 588