Mit dem „Deutschen Requiem“ hat sich Johannes Brahms vom opernhaften Oratorientyp abgewandt. In seiner Ruhe, dramaturgischen Unaufdringlichkeit und durch den Verzicht auf identifizierbare Solo-Rollen hat das Stück eher etwas von einem Buch; in seiner kundigen Zusammenstellung von Bibelversen und der intensiven Anverwandlung historischer Satztechniken ist es auch ein Kompendium der Gelehrsamkeit. Vielleicht wegen dieser Distanz zu aller Theatralik reizte es den Rundfunkchor Berlin und den Direktor des Radialsystems, Jochen Sandig, zu diesem entschieden performativen Zugang.

Der Saal ist fast leer, auch Stühle gibt es nicht, alle stehen. Der am Sonnabend vorgestellten Produktion geht es nicht um szenische Ausdeutung, sondern um Nähe zum Publikum. Die übliche frontale Aufführung wird gebrochen, indem die Sänger ununterscheidbar zwischen den Hörern stehen, sich aus der Masse mit einem Mal ein Singen erhebt. Die Sänger ziehen durch den Raum, mal als Prozession, mal vereinzelt. Trost spenden sie nicht von oben herab mit Bibelzitaten, sondern indem sie sich Hörern zuwenden, sie berühren oder umarmen.

„Human requiem“ hat der Rundfunkchor diese Version genannt, unter Bezug auf Brahms Anmerkung, dass er im Titel statt „deutsch“ lieber noch „der Mensch“ geschrieben hätte. Schon klanglich steht der Mensch im Mittelpunkt, indem sein Gesang nicht mit einem Orchester konkurriert, sondern lediglich gestützt wird von der vierhändigen Klavierfassung, gespielt von Philip Moll und Philip Mayers.

An jeden einzelnen gerichtet

Der singende Mensch, der da unter seine Hörer tritt, vollzieht in der körperlichen Annäherung etwas, das als Tendenz im Werk angelegt ist: Brahms hat der altmeisterlichen Faktur seiner Musik eine kreatürliche Wärme mitgegeben, durch die sich der Klang dem Gemüt unmittelbar zuwendet. Die Absicht des „Deutschen Requiems“ ist nicht öffentliche Totenklage, schon gar nicht dogmatische Verkündigung, sondern Trost im Angesicht des Todes. Buch-artig ist an diesem Stück auch, dass es sich an den Einzelnen richtet. Schon immer wirkten gerade bei diesem Stück die aufgereihten Chorsänger in Kirche und Konzertsaal enttäuschend, als wären sie gebunden in der Absichtserklärung „sie sollen getröstet werden“, der niemals Taten folgten.

Insofern entfesselt das „Human requiem“ wirklich ein Potenzial: Man verlässt das Radialsystem buchstäblich berührt. Gewissen Bedenken zum Trotz. So richtig stark wirkt es nicht, wenn am Ende des zweiten Satzes bei „ewige Freude“ alles lacht und Reis geworfen wird oder einige Sänger zum wiegenden 3/4-Takt der „lieblichen Wohnungen“ des Herrn Zebaoth schaukeln. In diesen Momenten gibt die Produktion ihre Grundidee der Zuwendung auf und fällt ins Inszenieren. Bezwingend ist der Einfall, auf dem Höhepunkt des vorletzten Satzes, dem triumphalen Umschlag von Moll zu Dur Kinder in den plötzlich hellen Saal laufen zu lassen: Diese Veranschaulichung des Textes, „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?“ verblüfft: Die Kinder rollen duftende Jurtematten aus, auf denen sich die Hörer für den letzten Satz niederlassen können.

Für den Hörer ist das Mittendrin-Sein auch mit musikalisch neuen Perspektiven verbunden, wenn etwa bislang nie richtig wahrgenommene Nebenstimmen nahe vorbei ziehen. Ohne die experimentiertfreudigen Sänger des Rundfunkchores wäre ein solches Projekt nicht durchführbar. Mit dem Stück durch drei Aufnahmen in vier Jahren innigst vertraut, vermögen sie es auch auswendig und unter ungünstigsten Sichtverhältnissen zum Dirigenten Simon Halsey nahezu perfekt in Intonation und Zusammenspiel mit dem Klavier zu singen. Der Bariton Konrad Jarnot trat mit markanter Deklamation, die Sopranistin Marlis Petersen als leuchtende Klangkrone aus dem Chor hervor. Langer, dankbarer Applaus.