Was für ein Film. Allein seine ersten fünfzehn Minuten könnten einen ganzen Wettbewerbsjahrgang aufwiegen, so zärtlich und präzise, verstörend und klar schwebt die Kamera hier durch eine alltägliche Szene und ertastet aus einem einzelnen Gesicht, einem einzelnen bewegten Körper ein Leben und eine Stadt. Morgens um halb fünf tanzt ein Mädchen in einem Kreuzberger Techno-Club, es bewegt sich mit der Masse, sein Körper vibriert beseelt mit dem Beat, der Blick des Betrachters und der Rhythmus der Bilder ist ihm ganz nah in diesem Moment.

Aber dann, als die Kamera sich von ihm entfernt und durch Nebelschwaden und Dunkelheit die anderen Tänzer und die Architektur des Raums sichtbar werden, sieht man, wie einsam das Mädchen ist und wie unsicher. Das Glück der Aufgehobenheit in der Musik und der dazu sich vereinenden Masse zerfällt sofort, als es sich aus der Mitte des Dancefloors hinausbewegt; Sekunden später irrt das Mädchen mit jener hilflosen, halb anbiedernden und halb distanzierten Haltung ins Freie, die typisch für alle diejenigen ist, die gern zu einer Szene hinzugehören würden, für die sie aber nicht cool genug sind.

Victoria (Laia Costa) kommt aus Madrid, sie ist neu in Berlin, sie lässt sich durch das Nachtleben treiben und jobbt für wenig Geld in einem Bio-Café: eine jener Existenzen, die diese Stadt gegenwärtig wie am Fließband erzeugt. Sie muss um sieben den ersten Latte ausschenken, darum schlägt sie nun den Nachhauseweg ein. Aber da sind noch die vier Jungs, die vor ein paar Momenten schon einmal kurz im hinteren Winkel des vibrierenden Bilds aufgetaucht waren. Sie umringen Victoria, als diese ihr Fahrrad besteigen will, umgockeln sie und scharwenzeln um sie herum, mit einer sonderbaren Mischung aus Albernheit, Charme und Bedrohlichkeit.

Die Situation ist offen, die unausgereift übertriebene Männlichkeit der vier Typen könnte sich auch in einer Vergewaltigung entladen wollen. Doch irgendetwas an ihren kumpelhaften Herumneckereien, an ihren verklemmten Macho-Ritualen zieht Victoria an; vielleicht ist es auch die Verve, mit der die vier davon künden, dass sie „echte Berliner“ sind, dass sie schon immer zu jener Stadt gehört haben, in der Victoria gerade erst angekommen ist. Darum ziehen sie zu fünft noch weiter um die Häuser, auf einer Dachterrasse kommen sie zur Ruhe und lernen sich kennen.

Flucht und Verfolgung

Einer von den Jungen, Sonne (Frederick Lau), gefällt dem Mädchen besonders, sie verlassen die Gruppe und landen im leeren Bio-Café. Durch den Schleier der Slangs versuchen sie zueinander zu finden. Victoria radebrecht im stolz holpernden Englisch der Globalisierungsnomaden, Sonne antwortet ihr im unsicher stockenden Englisch der Berliner Kiezjugendlichen, die sich nun plötzlich von Szenetypen aus aller Welt umstellt sehen. Schnell merkt man: Er ist genauso fremd in seiner eigenen Stadt wie das Mädchen, das gerade erst aus Spanien kam.

„Victoria“ heißt dieser radikale und mutige, berührende und in jeder, auch in körperlicher Hinsicht erschöpfende Film, mit dem Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) sich um den Goldenen Bären bewirbt. Er sollte ihn bekommen, unbedingt! Denn „Victoria“ ist nicht nur der beste Berlin-Film und der beste Coming-of-Age-Film seit langem. Er ist auch das Zeugnis einer atemberaubenden kinematografischen Kraftanstrengung.

Schipper hat sein Werk nämlich nicht nur mit vollständig improvisierten Dialogen gedreht, sondern – was für ein Wagnis – in einem einzigen Take, einer einzigen ununterbrochenen Kamerafahrt. 140 Minuten lang folgt der Kameramann Sturla Brandth Grøvlen seinen Figuren durch die erwachende Stadt, tief unter die Erde und hoch auf die Dächer; mit sicherer Hand umkreist er sie in ihren seltenen Ruhemomenten, rasend verwackelt verfolgt er sie, wenn sie vor ihrem Schicksal zu fliehen versuchen.

Denn Flucht und Verfolgung werden zu zentralen Motiven in der zweiten Hälfte des Films. Als Victoria und Sonne fast schon ein Liebespaar sind, brechen die anderen drei Jungs wieder in die Geschichte herein. Einer von ihnen, Boxer (Franz Rogowski), hat im Gefängnis gesessen und eine Schuld abzugleichen. Darum müssen seine Freunde mit ihm am selben Morgen noch eine Bank überfallen. Und Victoria folgt ihnen immer tiefer in den Irrsinn hinein.

Laia Costa spielt ihre Figur mit dauernd staunender, zwischen Angst, Glück und Sehnsucht changierender Miene; Frederick Lau gibt seinen Jungen mit lebhafter Neugier und großer Müdigkeit. In der letzten Stunde des Films rasen die beiden nicht nur durch eine hysterisch eskalierende Räuber-auf-der-Flucht-Story.

Sondern auch durch die gesamte Zukunft jenes glücklichen Paars, das aus ihnen nicht werden kann. Sie entblößen sich voreinander und gestehen sich ihr Scheitern, ihre Ängste und Sehnsüchte ein. Sie verbringen eine Liebesnacht in einem Hotelzimmer – allerdings dauert diese nur eine halbe Stunde, weil einer von ihnen schon im Sterben liegt. Sie fahren mit einem Säugling in einem Kinderwagen durch eine morgendlich erwachende Straße – allerdings haben sie den Säugling entführt, um in der Tarnung als junge Eltern aus einem polizeiumstellten Hochhaus zu entkommen.

So sind Liebe und Angst, Gewalt und Vertrauen, Zukunftswillen und auswegloses Jetzt unentwirrbar ineinander verschränkt: In der Einheit von Raum und Zeit, die dieser Film seinen Figuren und Betrachtern aufzwingt, erschafft er sich eine ganz eigene Zeit und Welt; und doch spiegelt unsere Gegenwart darin sich in allgemein gültigster Weise wider.