Radio der Zukunft: Lauschen, twittern, googeln

Seit Jahrzehnten bemühen sich Radiomacher landauf, landab, Hörer in ihre Programme mit einzubeziehen. Oft genug kommt im durchformatisierten deutschen Radioprogramm dabei nicht mehr zustande, als lustige Anrufspielchen; Hörerhitparaden oder Spaßanrufe. Das höchste der Gefühle sind Verweise auf die Facebookseite des Senders und die Kommentarfunktion auf der jeweiligen Website. Dabei ist die Frage, inwieweit das Radio ein soziales Medium sein kann, das also nicht einfach nur in die Welt sendet, sondern selbst ein Kommunikationsapparat ist, so alt wie der Hörfunk selbst. Schon Bertolt Brecht schrieb: „Hörer sollen zum Mitspieler werden.“ Und: „Das Radio wird zum Sprecher und Medium in einem: es kommuniziert mit den Hörern.“ Beispiele für eine gelungene Kommunikation gibt es freilich auch. Schon 1993 ging beim Jugendradio Fritz des RBB beispielsweise der „Ohrenzeuge“ auf Sendung, eine interaktive Mitmach-Krimireihe, die bis 2005 mehr als 600 Mal lief. Die Sendung des Radio-Kollektivs „Raumstation“ war eine der innovativsten, die es in diesem Bereich gab. Es gab danach ein ähnliches Projekt bei Deutschlandradio Kultur, das aber nach nur einem Jahr wieder eingestellt wurde.

App für Smartphones

Am vergangenen Wochenende kamen nun Radiomacher aus Europa in Berlin zusammen, um die Chancen eines modernen Mitmach-Radios auszuloten. „Digitale Sinneskulturen des Radios“ lautete das Motto der Tagung. Unter den Teilnehmern waren auch die Erfinder und Betreiber des Internetradios Detektor.fm, Christian Bollert und Marcus Engert. Die beiden Radioenthusiasten haben eine App für Smartphones entwickelt, mit der sich Nutzer jederzeit und von jedem Ort aus an dem Programm des Senders beteiligen können. Die Sendung dazu heißt passenderweise vox:publica, Stimme der Öffentlichkeit.

Auch in anderen Ländern wird experimentiert, wie man das Publikum mehr in die Programmgestaltung einbeziehen kann. Tiziano Bonini aus Italien zum Beispiel hat sein inzwischen beendetes Projekt „Voi siete qui“ („Ihr seid hier“) in Berlin vorgestellt. Dabei handelte es sich um eine Hörspielreihe, in der täglich ein Mann erzählte, was er erlebt hat, jeweils eine Viertelstunde dauerte eine Folge. Seine Abenteuer waren jedoch nicht frei erfunden, sondern die wahren Erlebnisse der Hörer, die anrufen, Mails schreiben und auf Facebook kommentieren.

Die Figur, die Bonini und sein Team erschufen, erzählte von einem ersten Kuss, von einem Autounfall, vom Abendessen mit einem guten Freund. Die Pointe: Die Hauptfigur erinnerte sich gar nicht daran, jemals ein Mädchen geküsst oder gute Freunde zu haben. Das Ganze war eine Art Mischung aus Drama und Comedy – und in Italien so erfolgreich, dass eine eigene Wikipedia-Seite eingerichtet wurde. Später veröffentlichte Bonini dann noch ein Buch über all die Geschichten, die in dem Projekt vorkamen.

Ebenso spannend ist das Projekt „The Flickerman“ des Engländers Lance Dann, der an der Universität von Brighton lehrt. Dann sprüht vor Ideen und hat sich damit einen Traum erfüllt. „The Flickerman“ ist ein mehrteiliges Radio-Drama, in dem ein Ich-Erzähler namens Cornelius Zane-Grey in merkwürdige Situationen kommt, und von wenig vertrauenswürdigen Leuten bedroht wird. Die Zuhörer werden aufgefordert, parallel die Fotos auf flickr.com anzuklicken oder bestimmte Begriffe in Suchmaschinen einzugeben. „The Flickerman“ lief auf dem kleinen Sender Resonance FM in Australien und in einigen Großstädten in den USA.

Fans lauerten vor der Haustür

So faszinierend das Projekt ist – es erforderte von den Hörern viel Engagement. Erfinder Lance Dann ist dennoch zufrieden: Etwa zwei Millionen Hörer haben eingeschaltet, mitgemacht oder sich bei Facebook gemeldet – und zwei britische Fans waren sogar so begeistert, dass sie ihm vor seinem Haus auflauerten, erzählte Dann in Berlin.

Wie sehr solche Projekte Modelle für künftige interaktive Sendungen sein können, zeichnet sich noch nicht ab. In den Redaktionen herrscht zu wenig Experimentierfreude. Dabei können sich Hörer heute viel stärker über soziale Medien wie Facebook, den Kurznachrichtendienst Twitter, den Internettelefondienst Skype und den Microblog Tumblr ins Programm einbringen, als das früher der Fall war. Schwierig ist nur die Umsetzung von Ideen. Der US-amerikanische Medienwissenschaftler Jason Loviglio, glaubt, dass manche Radiomacher in den Stimmen der Zuhörer nur einen weiteren Sound-Effekt sehen. „Weniger zynische Menschen sagen aber, nein, Hörer können dazu beitragen, eine ganz neue öffentliche Sphäre im Radio zu erschaffen.“

Was das Radio bieten kann – oder jedenfalls mit ein bisschen mehr Mut und Innovationsfreude bieten könnte –, ist angesichts der vielfältigen Möglichkeiten des Internets längst noch nicht ausgeschöpft. Der US-Forscher Loviglio meint denn auch: Solange es Menschen gibt, die im Auto im Stau stehen oder sich Sonntagnachmittags aufs Sofa legen, solange wird es auch Menschen geben, die Radio hören. Und immer mehr von ihnen werden sich mit eigenen Ideen einbringen wollen. Die Zukunft des Radios hat also gerade erst begonnen.