Andere Welt Bühne interpretieren Schillers "Räuber" neu.
Foto: Marc Bluhm

BerlinDie Bretonischen Zwergschafe neben dem blauen Betonbau lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Um sie herum mag sich Sommer für Sommer alles ein Stück mehr verändern, mögen sich immer seltsamere Veranstaltungen vor und in dem blauen Ding ereignen, das seit 2016 ein Theater im Werden ist, mögen immer mehr Besucher beim Auf- und Abgehen den imposanten Schafhörnerschwung bestaunen – das wilde Gras hier auf dem „Alten Postgelände“ in Strausberg schmeckt offenbar immer gleich gut. Ja, es herrscht eine wunderbar disparate Stimmung auf diesem alten/neuen Gelände zwischen Hauptstraße und Mischwald: bukolische Naturgelassenheit, Kalter-Kriegs-Mief um die verstreuten Platten und eine langsam aufblühende Kulturnutzung wehen zusammen.

Ende der 70er-Jahre ließen die DDR-Oberen hier unterirdisch ihren größten, modernsten Bunker bauen, der die sozialistische Kommunikation sichern sollte. Nun entsteht aus den oberirdischen Versorgungsgebäuden ein so vielgestaltiges wie konzeptuell offenes Kulturquartier, das Werkstätten, Wohnungen, Theater, Geschichtsausstellung und Kunst vereint.

Dass das blaue Theater im ehemaligen Wasserwerk unter dem Namen „Andere Welt Bühne“ schon in Betrieb ist, während Paragraphen vieles andere noch bis Jahresende verzögern, liegt zweifellos auch daran, dass die drei mutigen Gründer*innen Matthias Merkle, Antje Borchardt und Melanie Seeland selbst vom Theater kommen, auch wenn alle drei längst finanz- und bauplanerische Allrounder sind. Der Regisseur Matthias Merkle hat, inspiriert von dem Bauhausarchitekten Friedrich Kiesler, eine so konstruktivistisch wie mittelalterlich anmutende Drehbühne gezimmert, durch die das Modell einer feudalen Krone ebenso schimmert wie das Brecht’sche Räderwerk eines großen Mechanismus, den man Staat nennen könnte. Das Multifunktionsgerüst dient seit Juni als Dauerbühne, über die bereits die ersten zwei Premieren liefen. Die Schauspielerin und Co-Leiterin des Theaters Melanie Seeland erarbeitete sie zusammen mit einem kleinen Ensemble hoch motivierter, spielwütiger Kolleginnen und wechselnden Gastregisseuren.

„Wer kommuniziert, setzt sich dem Risiko aus“, steht gleich zu Beginn der energischen Schiller-Zerlegung „Räuber*innen“ auf das Gestell projiziert, was auch die Unerschrockenheit dieses wilden kleinen Revoluzzer-Abends schon gut auf den Punkt bringt. Unter Pussy-Riot-Masken nehmen die fünf Spielerinnen darin die „Räuber“ radikal und rattern Protestparolen Marke Eigenbau sowie aus diversen angesagten Manifesten von Virginie Despentes über Valerie Solanas bis Donna Haraway und Wolfram Lotz herunter und wüten damit gegen Männer, Macht und eigentlich alles, auch das Theater und sich selbst. Die lockere Ironie hilft dabei dem Ernst. Und so klettern, hüpfen und schieben die fünf ihr Diskursding über die Balken, dass es quietscht. Für Insider sicher etwas zu viel alte Volksbühne darin, aber allein der Mut, im Brandenburger Outback zuerst nach Dringlichkeit zu suchen anstatt nach leichtem Konsum, ist ein echter Gewinn.

Andere Welt Bühne, wieder 7., 8. 8.; 11., 12. 9., 19.30 Uhr, Informationen: wasserwerk-theater.com