München, Sonnenanbeter Rainer Langhans am Eisbach.
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BerlinGeboren wurde Rainer Langhans am 19. Juni 1940 in Oschersleben in der Magdeburger Börde. 1953 siedelten seine Eltern mit ihm per S-Bahn in den Westen über. Nach dem Abitur trat Langhans 1960 freiwillig in die Bundeswehr ein und verließ sie als Fähnrich der Reserve. 1962 begann er an der Freien Universität Berlin zunächst ein Jurastudium. Zwei Semester später immatrikulierte er sich für das Fach Psychologie, brach jedoch 1969 seine Vordiplomarbeit wegen Differenzen mit dem Professor ab. Während dieser Zeit kam Langhans mit der Studentenbewegung in Berührung und zog schließlich im März 1967 in die kurz zuvor gegründete Polit-Wohngemeinschaft Kommune I. Soweit Wikipedia.

Dort heißt es auch, Rainer Langhans sei deutscher Autor, Filmemacher und Schauspieler. Das ist alles richtig. Aber die Pointe ist natürlich, dass er für all das nicht bekannt ist. Er ist in erster Linie bekannt als Rainer Langhans. Bekannt einem immer kleiner werdenden bundesrepublikanischen Publikum, das das Ende der 60er-Jahre als seine rebellische Lebensphase in Erinnerung bewahrt.

1945 veröffentlichte Arthur Koestler eine Reihe von Aufsätzen unter dem Titel „Der Yogi und der Kommissar“. In dem titelgebenden Essay stellte er den den inneren Weg gehenden Yogi und den revolutionären Politkommissar einander gegenüber. Als 1967 die Kommune I gegründet wurde, war sie das Produkt der Zusammenarbeit von Yogi und Kommissar gewesen. Aufmerksamen Beobachtern der Studentenrevolte war das nicht entgangen. Sie erkannten in Rudi Dutschke den die Massen aufputschenden Politkommissar und in Rainer Langhans den den Trip ins Innere vorlebenden Yogi.

Bei den Vorbereitungstreffen zur Kommune I waren sich alle einig gewesen: Die bloße politische Agitation werde nicht genügen. Es müsse auch vorgelebt werden. Man betrachtete die patriarchalische Familie nicht als Kraftquelle im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse, sondern als Nährboden, der immer wieder autoritäre Verhältnisse und unfreie Menschen hervorbrachte. Ohne neue Lebens- und Liebesverhältnisse werde es keine neue Gesellschaft geben. Die Kommune I war eine Parallelaktion zur politischen Organisation und Propaganda.

Die Vorstellung, ein paar junge Menschen praktizierten in aller Öffentlichkeit freie Liebe, paarten sich in immer neuen Konstellationen, bewirkte in der Fantasie eines sexuell höchst interessierten Publikums, das von Oswalt Kolle und Beate Uhse systematisch stimuliert wurde, die bizarrsten Reaktionen. Es gab geballten Hass, der die Kommune ins Arbeitslager stecken wollte, es gab Neid, und es gab Nachahmer. Langhans erklärte später immer wieder: „Wir machten in Lifestyle und führten das schöne Leben, das andere auch haben wollten.“

Die Idee verschiedener Lebensmodelle

Jeder, der Beziehungsdebatten kennt, wird nicht in Versuchung kommen, die endlosen Analysen der kleinsten physischen und psychischen Regungen, wie sie in der Kommune I praktiziert wurden, für ein „schönes Leben“ zu halten. Auch die Erklärung, in der Kommune sei jeder frei, das zu tun, was er wolle, war nichts als Propaganda, ein Reklamespruch. Dennoch hat die Idee, dass es in einer Gesellschaft sehr verschiedene Lebensmodelle geben kann, dass nicht alle auf dieselbe Art leben müssen, sich in den letzten Jahrzehnten verbreitet. Anders zu sein als die anderen war nicht mehr allein das Vorrecht der Reichen und Schönen, sondern jeder hatte die Möglichkeit sich einen Entwurf von sich zu machen und ihm nachzuleben. Allerdings stellte sich bald heraus, dass man an Mauern und Hürden stieß, die nur die wenigsten überspringen konnten.

Man mochte das System nicht ändern können, ohne sich selbst zu ändern – hatte der Yogi recht -, aber man konnte auch sich selbst nicht ändern, ohne das System zu ändern. So schlug die Stunde des Kommissars. Wie man 1967 eine Kommune schuf, zur Begleitung der politischen Propaganda, so wurde 1970 die Rote Armee Fraktion gegründet als ihr bewaffneter Arm. Da gab es die Kommune I schon nicht mehr. Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel, Kommune-Mitstreiter, verschwanden in den Untergründen des bewaffneten Kampfes. „War not Love“ war die neue Parole.

Nicht für Rainer Langhans. Er hatte seinen dicken Mantel ausgezogen und trug nur noch weiß, „weil alle Farben darin enthalten sind“. Das wurde zur Konstanten der vergangenen Jahrzehnte. Langhans schwor dem Kampf ab. Der Kritik erst recht. Alles sollte umarmt und aufgenommen werden, auch der Nazi in uns. 1999 erklärte Langhans: „Wir müssen die bessern Faschisten sein, denn der Faschist ist in meinen Augen jemand, der erst einmal natürlich das Himmelreich auf Erden holen wollte, also der wirklich was Gutes wollte. Also unter dem Gesichtspunkt ist Hitler selbstverständlich für uns alle ein „großer Lehrer“, ein „verhinderter Spiritueller“. Es ging darum, ein Ich zu schaffen, das sich nicht mehr abgrenzte, sondern für alles offen war. Nicht nur für Nazis. Langhans ging sogar so weit, dass er, als eine seiner Freundinnen Krebs bekam, ihr lange Vorträge darüber hielt, sie solle den Krebs nicht bekämpfen, sondern lieben.

Das Lieben hat im Leben des Rainer Langhans immer wieder neue Rollen gespielt. 1967 schien es undenkbar ohne Zusammensein und Sex. Seit 1976 lebt er in etwas, das er „Harem“ nennt. Es gibt eine gemeinsame Wohnung, heißt es, aber die vier Frauen und Rainer Langhans leben in fünf Wohnungen, und zum Thema Sex meint Langhans: „Es ist eine Kommune, aber dadurch, dass die Körper nicht zusammenleben, können wir geistig zusammenkommen.“ Geistig war man damals ganz sicher nicht zusammen gekommen. Aber ob es am Sex lag?

1938 ging im Indischen Ozean vor der südafrikanischen Küste Fischern ein Quastenflosser ins Netz. Dieser Knochenfisch war bis dahin nur als Fossil bekannt. Man war davon ausgegangen, dass er vor siebzig Millionen Jahren ausgestorben war. So ragt Rainer Langhans aus den Konvulsionen der bundesrepublikanischen Geschichte hinein in unsere Gegenwart. Er tritt im Dschungelcamp auf und erklärt uns zur Coronakrise: „Ich lebe seit Jahrzehnten in meinem persönlichen Lockdown. Das Innere ist mir viel wichtiger als alles Äußere“, das Virus, so seine Hoffnung, zwinge uns alle, so zu leben wie er. Nein, so sagt er es nicht. Aber dass es ihm gelingt, ein richtiges Leben im falschen zu führen und das schon seit einem halben Jahrhundert, davon scheint er überzeugt.

Der Yogi und der Kommissar, Rainer Langhans und Rudi Dutschke: Beide kamen aus der DDR. Beide wurden zu sehr unterschiedlichen Ikonen desselben winzigen Abschnitts bundesrepublikanischer Geschichte. Rainer Langhans lebt bis heute von unserer Erinnerung und also auch von den Streichen, die sie uns spielt.