Rainer Werner Fassbiner.
Foto: Imago Images/ United Archives

BerlinVor vielen Jahren führte der dänische Filmemacher Christian Braad Thomsen in Cannes ein Interview mit seinem deutschen Kollegen Rainer Werner Fassbinder. 1978 war das, vier Jahre vor Fassbinders viel zu frühem Tod. Aber schon damals war ihm das Tempo, mit dem er seine Kräfte verschliss, bereits anzusehen.

Übermüdet und fertig fläzt er im Sessel und verleiht allerhand Überlegungen Ausdruck, die zwar zwischen sehr privat und sehr verwegen pendeln, nichts aber von der typischen Fassbinder’schen Gedankenschärfe vermissen lassen. Thomsen jedoch traute seinem Material nicht, und so dauerte es fast vierzig Jahre, bis daraus der Dokumentarfilm „Fassbinder – lieben ohne zu fordern“ entstand; in dem Thomsen küchenpsychologisch den Ödipus-Komplex bemüht, um das wüste Schaffen und wilde Treiben des künstlerischen Berserkers einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Das hat schon in seinem 1993 veröffentlichten Buch „Fassbinder. Leben und Werk eines maßlosen Genies“ nicht richtig funktioniert, nichtsdestotrotz trägt das „wiederentdeckte“ Gespräch, das flankiert wird von neuen Interviews mit den alten Fassbinder-Recken Harry Baer und der am Dienstag gestorbenen Irm Hermann, weitere Facetten bei zum Bild jenes Mannes, ohne dessen Werk die jüngere deutsche Filmgeschichte nicht zu denken ist.

Dabei ist die Welt in den Filmen des Rainer Werner Fassbinder - der vor 75 Jahren am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen geboren wurde und am 10. Juni 1982 im Alter von gerade einmal 37 Jahren in München starb - die Welt der 70er-Jahre in der BRD: bundesrepublikanische Wirklichkeit im geteilten Deutschland. Es ist die Welt von 1966, als sein erster Kurzfilm „Stadtstreicher“ entstand, bis 1982, als mit „Querelle“ sein letztes großes Opus in die Kinos kam. Dazwischen liegen dreizehn Jahre kreativer Rausch, in dem er 40 Spielfilme hervorbrachte. Dreizehn Jahre aber auch, die mittlerweile so weit entfernt sind wie der Mars.

Was sagen uns Fassbinders Filme heute? Verstehen wir noch, wovon sie erzählen, wenn sie von der Macht berichten, die ungleich verteilt ist und die Menschen korrumpiert? Und von der Liebe, die festhalten will und dadurch tötet? Und vom Geld, das meist mit der einen einhergeht und die andere zu kaufen sucht?

Die Traurigkeit und das Unglück der Menschen, von denen Fassbinder oft erzählt, sind ihm allerdings nicht Anlass zum Miserabilismus, sondern Werkzeug der Kritik. Einer Kritik am Bestehenden, die nicht über die Köpfe jener sprichwörtlichen „einfachen Leute“, die seine Protagonisten sind, hinweggeht, sondern die diejenigen, von denen die Rede ist, auch direkt anspricht.

Fassbinder - Lieben ohne zu fordern.
Foto: Dino Raymond Hansen

Fassbinder analysiert in seinen Filmen die miesen Zwangssituationen, in denen die Menschen stecken, und auch wenn dann da nicht immer ein Ausweg ist, ist da zumindest immer eine Perspektive, die auf eine mögliche Lösung hinweist. Diese Perspektive ist im Blick des Filmemachers selbst aufgehoben; einem Blick, der auch dann noch voll Mitgefühl bleibt, wenn er sich auf die Schlechtigkeit richtet, auf Missgunst und Geltungssucht, auf Egoismus und Gier. Weil Fassbinder wusste und nicht verurteilte, wie es um das menschliche Wesen im kapitalistischen Ausbeutungskontext bestellt ist: dass sich zwischen dem Wollen und dem Können mitunter eine Kluft auftut, die nicht zu überbrücken ist. Weil der Mensch meist schwach ist, und das System, in dem er lebt, ist es nicht.

Wieder und wieder zeigt Fassbinders Werk, wie dieses übermächtige System aus lauter ohnmächtigen Rädchen zusammengesetzt ist, und es zeigt, wie diese ineinander greifen und es am Laufen halten. Es zeigt, wie die Kräfte der Zwänge wirken und wo diese ihren Ursprung haben. In Sozialstudien wie „Händler der vier Jahreszeiten“ (1972). In Literaturadaptionen wie „Fontane Effi Briest“ (1974). In Großproduktionen wie „Lili Marleen“ (1981). In Melodramen wie „In einem Jahr mit 13 Monden“ (1978). In Gesellschaftsanalysen wie „Die Dritte Generation“ (1979). In autobiografischen Reflexionen wie „Faustrecht der Freiheit“ (1975). In Geschichtslektionen wie „Die Ehe der Maria Braun“ (1978). In Gangsterfilmen („Liebe ist kälter als der Tod“, 1969) und Western („Whity“, 1971) und Science-Fiction („Welt am Draht“, 1973) und Fernsehserien („Acht Stunden sind kein Tag“, 1972-73). Immer und immer wieder.

Fassbinders Filme mögen alt sein, doch sie sind nicht veraltet. Eines ihrer zentralen stilistischen Merkmale ist ein sanfter Brecht’scher Verfremdungseffekt: die minimale Theatralik im Sprachduktus, in Mimik und Gestik der Schauspieler, die Künstlichkeit der Bewegungen im Raum, die Sorgsamkeit der Kadrage, ihr hoher ästhetischer Anspruch, die Denkpausen und die Assoziationsräume. All diese Elemente heben die Filme aus dem raumzeitlich Konkreten ihrer jeweiligen Entstehung heraus, arbeiten jenem Realismus entgegen, der sie tatsächlich hätte historisch werden lassen, und machen sie auf der Ebene ihrer Kernidee alterslos. Zeit, sie mal wieder zu sehen.

Fassbinder – lieben ohne zu fordern (Dänemark 2015) Regie: Christian Braad Thomsen. Erschienen bei Filmgalerie 451, ca. 15 Euro.