Rammstein-Frontmann Till Lindemann.
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Berlin"Ich heiße Erwin Lindemann, bin 66 Jahre und Rentner", muss im allseits beliebten Loriot-Sketch ein Lottogewinner in die Kamera sagen, bevor er kurz ausführen soll, was er mit den gewonnen 500.000 D-Mark anzufangen gedenkt. Natürlich verhaspelt er sich, sodass wieder und wieder gedreht werden muss und mehr und mehr Verhaspelung stattfindet.

Die Texte auf dem zweiten Lindemann-Album „F & M“ klingen ungefähr so kohärent wie die Äußerungen des nervösen Loriot-Lindemanns in der dritten Verhaspelungsrunde, mit dem Unterschied, dass Lindemann-Sänger Till Lindemann, allseits gewiss als Vokalist der immer wieder gerne und kontrovers diskutierten Schock-Rock-Band Rammstein bekannt, mitnichten so kamerascheu wie Namensvetter Erwin ist, sondern im Bewusstsein öffentlichen Augen- beziehungsweise Ohrenmerks spürbar aufblüht.

So auch auf dem aktuellen Album: Er wolle alles fressen, raunt er lustvoll, am besten aber solle es keine Knochen haben, doch sollen es Tiere sein, Hühner, Lämmer, möglichst jung und zart, am besten ungekocht, singt Lindemann in „Allesfresser“. Hä? Was denn nun? Ungekochtes Huhn oder zartes?

Lindemann arbeitet mit gewohntem Muster

Aber egal: den ach-so-provokanten Altherrensexualfantasien wird so mal wieder ein typisches Lindemann-Bild verschafft – wie wir das ja auch von Rammstein gewohnt sind, wenn sie nicht gerade mit Nazi-Ikonografie kokettieren.

Und auch anderswo auf der Platte geht es ähnlich zu: Unter jedem akustischen Anfang mit vermeintlich beschaulichen Worten lauert – wer hätte es geahnt? – ein doppelter Boden, der sich – Surprise, Surprise! – alsbald qua verlässlich prügelnden Digital-Metal-Riffs und – ich hab Angst, Mami! – Lindemanns professionell absolvierten Boot-Camp-Gebrülls auftut, wie in den Singles „Stehe auf“ und „Knebel“.

Till Lindemann nähert sich der Opernbühne

Aber auch Till Lindemann kennt die tägliche Verwirrung und Unsicherheit, die wir alle erleben und deretwegen so viele von uns in der doch eigentlich eher banal gestrickten Videospiel-Jungsgewaltfantasiewelt von Rammstein und auch Lindemann nach Erbauung suchen; davon erzählen Stücke wie „Wer weiß das schon?“ oder „Ich weiß es nicht“!

Ich weiß auch nicht so recht. Immerhin ist „Wer weiß das schon“ eine Art Orchester-Ballade, so nah ist Lindemann der Opernbühne noch nie gekommen; allerdings ist das immer noch ziemlich weit entfernt. Vielleicht will er da ja auch gar nicht hin (wer weiß das schon?) – obwohl die Ursprungsinspiration für das Album in einer laut Pressetext „sehr modernen“ Theaterfassung von „Hänsel und Gretel“ lag, für die Lindemann und sein aus Metal-Bands wie Pain oder Hypocrisy bekannter schwedischer Partner Peter Tägtgren (der folgerichtig für die Metal-Riffs und überhaupt die Produktion des Albums verantwortlich ist) einige Lieder verfassten.

Die Provokationen scheitern

Viel mehr lässt sich sinnvollerweise gar nicht über den Inhalt dieses doch eher unnötigen Albums sagen. Zu seiner Wirkung lässt sich feststellen, dass es, genau wie bei Rammstein, weder so schrecklich gefährlich ist wie viele Beobachter vermutlich behaupten, noch aber so gut, wie viele Fans es finden werden.

Im Gegenteil: Es ist ein äußerst schlechtes Album, da es in erster Linie langweilt und mit längst erwartbaren Provokationen gespickt ist, die nicht provozieren, da sie, wir erwähnten es bereits, einfach zu jungshaft sind. Das Kokettieren mit dem Martialischen muss gelernt sein.

Ein exzellentes Vorbild wäre hier die seit den Achtzigerjahren aktive slowenische Industrial-Gruppe Laibach, deren bizarre Coverversionen von Hits wie „Life Is Life“ oder „One Vision“ die Parallelen zwischen Pop-Kultur und Totalitarismus aufzeigten und dabei auf verstörende Weise sehr, sehr lustig waren.

„Gegensätze ziehen sich an“

Lustig und verstörend war Lindemann nie und seine Gruppe Rammstein war es nur, wenn etwa ein König der Rekontextualisierung wie David Lynch ihnen die perfekte Umgebung baute wie in seinem Surrealhorror-Meisterwerk „Lost Highway“.

Aber selbst eine solche Meta-Inszenierung würde für das Lindemann-Album nicht funktionieren, dafür mangelt es seiner Brachialität an Pointiertheit. Mal wird ein bisschen Indierock gespielt, dann wieder die unvermeidbaren Metal-Riffs, dann ein bisschen Akustikgeklimper.

„Gegensätze ziehen sich an“, behauptet Lindemann zwar im albumtitelgebenden Lied „Frau & Mann“, aber im Fall dieses Werks kommen diese Gegensätze kaum zusammen, sondern ergeben eine nicht besonders anregende Verwirrtheit. Dann schon lieber Erwin Lindemann.

Lindemann: F&M, Vertigo Berlin