BerlinEs ist noch kein ganzes Jahr her, dass das Zentrum für politische Schönheit (ZPS), das rebellische Sorgenkind unter den Aktionskünstlern, vor dem Reichstag eine Säule aufstellte, die nach eigenen Angaben der Gruppe die Asche jüdischer NS-Opfer enthalten haben soll. Es sei um das Gedenken an die „letzte deutsche Diktatur“ gegangen, kommentierte damals der ZPS-Gründer Philipp Ruch. „Gedenken heißt Kämpfen“, stand auf einem metergroßen Banner, das das ZPS über der Skulptur aufgespannt hatte.

Die Reaktionen darauf fielen heftig aus. So verwies etwa der israelische Direktor der Anne-Frank-Bildungsstätte Meron Mendel – zu Recht – darauf, dass Leichen nach jüdischem Gesetz nur auf jüdischen Friedhöfen bestattet werden und sprach von einer „Instrumentalisierung der Opfer“. Der Zentralrat der Juden nannte die ZPS-Skulptur „pietätlos“ und „geschichtsvergessen“. Die Provokation war, wie bei den meisten Aktionen der Gruppe, im Vorfeld einkalkuliert. Die moralische Integrität weniger.

Jetzt meldet sich das ZPS zurück, diesmal mit einer Aktion, die inhaltlich zwar etwas weniger explosiv erscheint, Explosivität dafür aber ins Zentrum der Debatte rückt. Es geht um Sprengstoff, Munition, Maschinenpistolen, Gewehre und Tornados. Waffen, die illegal aus den Truppenbeständen der Bundeswehr entwendet worden sein sollen und sich jetzt mutmaßlich in den Händen rechtsextremer Ex-Soldaten befinden. Auf der Website unsere-waffen.de listet das ZPS das beunruhigende Ausmaß all dessen auf: 60 Kilogram Plastiksprengstoff, elf Schnellfeuergewehre, fünf Pistolen, über 70.000 Schuss Munition – die Liste geht weiter.

Wer diese Bestandsliste liest, dem müssen sich förmlich die Nackenhaare aufstellen. Sollten die Angaben verlässlich sein, deuten sie auf ein mindestens unheimliches Stück deutscher Normalität, dessen Tragweite nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle an Yom Kippur und auf zwei Shishabars in Hanau im Februar diesen Jahres noch bedrohlicher, noch klaustrophobischer erscheint. Die Bundeswehr selbst machte bislang keine Angaben zu dem verschwundenen Arsenal. Um zu überprüfen, ob die angegebenen Bestände wirklich entwendet wurden, müsste erst mal klar sein, welchen Truppenbeständen genau sie entstammten, sagte ein Presseoffizier der Berliner Zeitung. Kürzlich hatten Ermittler eine von der Bundeswehr als gestohlen gemeldete Maschinenpistole bei einem ehemaligen SEK-Beamten gefunden, der zudem Mitglied in einer rechten Chatgruppe war.

Wie dem auch sei: Das ZPS hat jetzt eine konkrete Lösung für das verlorene Gerät. Direkt vor dem Kanzleramt hat es eine flecktarnbehangene Waffen-Rückgabe-Konstruktion aufgebaut, bestehend aus zwei umfunktionierten Altkleidercontainern, in die, so suggeriert das Gebilde, reumütige Ex-Bundis gestohlenes Kampfarsenal einwerfen können. Daneben steht ein authentisch wirkendes Bundeswehr-Postenhäuschen. „Seit Jahren klauen rechtsextreme Netzwerke der Bundeswehr ungestraft Munition und Waffen, um einen Bürgerkrieg anzuzetteln“, so heißt es reißerisch im Begleitvideo zur Aktion. Für jeden Hinweis, der zum Aufspüren der gestohlenen Waffen führt, werde die Gruppe ein Kopfgeld von 1.000 Euro zahlen.

Das ZPS gibt das Ganze zudem als offzielle Aktion des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) aus, die dieser in Zusammenarbeit mit dem Kampfmittelräumdienst des Landes Berlin entwickelt haben soll. Das stimmt zwar nicht, wurde aber aufwendig nachgestellt. „Hilf uns jetzt! Schweigen ist Komplizenschaft!“, heißt es etwa im Informationsblatt zur Aktion, dessen überspitzt-militaristischer Tenor suggeriert, es sei an Soldaten selbst adressiert: „Was im ersten Moment wie Solidarität gegenüber Deinen Kameraden aussieht, ist in Wirklichkeit ein Treuebruch gegen Dein Vaterland.“

Dass dort auch – ganz nebenbei – ein Halbsatz wie „Kampf gegen den inneren Feind“ fällt, der sofort an die antisemitische Rhetorik der Weimarer Republik und Nazizeit denken lässt, klingt wieder mal nach typischer ZPS-Provokation. Dennoch: Das Thema ist brisant. Der angebliche Waffendiebstahl aus Bundeswehrbeständen verweist auf das grundlegende Problem der Überschneidungen zwischen Neonazis und der Bundeswehr. Nach etlichen rechtsextremistischen Vorfällen innerhalb der Streitkräfte hatte das Verteidigungsministerium 2017 den MAD eingeschaltet, um neue Bundeswehranwärter auf extremistische Überzeugungen zu durchleuchten. In 1.173 Fällen hatten sich die Sicherheitsleute des MAD ihre Bewerber genauer angesehen. Von letztlich 63 abgewiesenen Anwärtern seien 21 Neonazis und sogenannte „Reichsbürger“ gewesen.

Auch Stephan E., der wegen der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke vor Gericht steht, soll zuvor zusammen mit Bundeswehrreservisten das Schießen geübt haben. Ob die Verbindungen von Neonazis und Bundeswehr durch die ZPS-Aktion nun weiter ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten rücken? Ob sich die Bundeswehr dadurch – ähnlich der von vielen Seiten geforderten Rassismus-Studie innerhalb der Polizei – stärker mit rechten Ansichten in den eigenen Reihen auseinandersetzt? Begrüßenswert wäre es allemal.