Der amerikanische Star-Rapper Kanye West.
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Wäre die Musik des US-Rappers Kanye West ein Planet im Kosmos und ihr Rezipient ein außerirdisches Wesen – es müsste sich durch eine ganze Menge Sternenstaub hindurchwühlen, um zum Kern der Sache vorzudringen. West ist bekannt dafür, sein Schaffen als eine Art wagnerianisches Gesamtkunstwerk zu inszenieren, als ein Spektakel, wo Musik, Mode, Kunst, Religion und Politik zu einem pulsierenden Ganzen zusammenfließen. Warhol, Shakespeare, Michelangelo – die Liste der Namen, in deren Nachfolge der Rapper sich sieht, deutet auf seine Hybris genauso wie die Gnadenlosigkeit, mit der er seine künstlerische Vision verfolgt.

Aber in Wests Universum gehören scharfkantige Skandale und persönliche Abstürze genauso dazu wie das in seiner Musik durchscheinende, kreative Genie. Dass „Donda“, sein neues Album, dessen Veröffentlichung West eigentlich für Freitag angekündigt hatte, nun offenbar doch nicht erscheint, könnte ein Teil der Inszenierung sein. Oder ist es das Resultat von Umständen, auf die er selbst inzwischen keinen Einfluss mehr hat?

Wo sollte man anfangen bei Kanye West? Bei seiner angekündigten Kandidatur als US-Präsident 2020? Bei der Spekulationen, dass er sich damit zum Steigbügelhalter oder, wenn auch nur ungewollt, zum Spielball der Republikaner machte? Dass all die politische Ambition eigentlich der Strategie geschuldet sei, schwarze Wählerstimmen von der Kampagne Joe Bidens abzuziehen? Immerhin unterstützte West den amtierenden US-Präsidenten Trump in den vergangenen Jahren lautstark und fiel auch sonst durch dubios-provozierende Aussagen zum Thema Sklaverei auf, die ihn – wider Erwarten – in ein sehr ähnliches Licht rückten wie Trump.

„Ich bin nicht schwarz – ich bin Kanye“

Fans waren schockiert von seinen politischen Äußerungen: Ist derselbe Kanye West, der George Bush einst im Live-Fernsehen dafür kritisierte, dass Schwarze ihm egal seien, inzwischen gewissermaßen anti-schwarz? Der Autor Ta-Nehisi Coates hat Wests politische Entwicklung in der Zeitschrift The Atlantic schlau beschrieben: „West nennt seinen Kampf das Recht, ein ‚Freidenker‘ zu sein“, schreibt Coates, „und in der Tat tritt er für eine Art Freiheit ein – eine weiße Freiheit, eine Freiheit ohne Konsequenz, ohne Kritik; eine Freiheit, in einem Augenblick von einem Volk zu profitieren und es im nächsten Moment im Stich zu lassen; eine Freiheit ohne Verantwortung.“

Neben der Politik, wenngleich wahrscheinlich mit ihr verbunden, stellt sich eine noch komplexere Frage: Wie steht es um Wests Psyche? Inzwischen wird es selbst den unaufmerksamsten Beobachtern aufgefallen sein: Die Auskopplung von Wests Ich von der Welt beweist der Rapper in regelmäßigen Abständen in quirlig-abstrusen Fernsehauftritten, die vor Fremdscham nur so triefen. Wests Frau, die Schauspielerin Kim Kardashian, gab all dem auf ihrem millionenschweren Instagram-Kanal jetzt einen Namen. Ihr Ehemann, hieß es da, leide unter einer bipolaren Störung. „Jeder, der es hat oder einen Liebsten in seinem Leben hat, der daran leidet, weiß, wie unglaublich kompliziert und schmerzhaft es ist, das zu verstehen“, schrieb Kardashian.

Ihrem Post wiederum gingen Tweets voraus, in denen West verkündete, sich von ihr scheiden lassen zu wollen. Kurz zuvor war er auf einer sogenannten Wahlkampf-Kundgebung in Tränen ausgebrochen. Sein Vater habe ihn abtreiben lassen wollen, verkündete er vor einer Gruppe Leute, dabei in schusssicherer Weste gekleidet, aber seine Mutter habe ihm „das Leben gerettet“. Die Liste derartiger Antagonismen in und um Wests Leben ließe sich wohl endlos fortsetzen.

Zuletzt wandte Kanye West sich dem Gospel zu

Vielleicht wäre es fairer, man ließe den vernebelnden Sternenstaub für einen Moment außen vor und wende sich dem Kern der Sache selbst zu: der Musik. Die musikalische Virtuosität des Rappers und Produzenten ist weitestgehend unbestritten. Immer wieder zog er die Spannbreite des HipHop-Genres richtungsweisend auseinander: So erweiterte er den Kanon um avantgardistische Samples, elektronisches Auto-Tuning und eine besonnene Spannung zwischen flächig-beseelten Melodien und selbstbewusst-disruptiven Beats.

Ende letzten Jahres wandte West sich dann sendungsbewusst dem Gospel zu: „Jesus is King“, hieß sein letztes (und neuntes) Album. Die buchstäbliche Umarmung der christlichen Ikonografie mag auf den ersten Blick wie eine Abwendung vom egogetriebenen Maximalismus der Voralben Wests erscheinen. Vom Sound eines Songs wie „Use this Gospel“ könnte man sich unschwer vorstellen, wie er inmitten einer futuristischen, schwarzen Kirche erklingt. Tatsächlich löste das Album viel Skepsis darüber aus, ob West es denn aufrichtig meint mit dem Gospel, oder ob er in dem musikalischen Oberthema nicht lediglich eine Möglichkeit sah, sich in der schwarzen Community quasi rückwirkend einzugemeinden – viele treue Fans hatten sich nach dem Trump-Flirt von West als Vorbild verabschiedet.

Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber, dass Wests Musik auf die ein oder andere Weise immer schon das Vehikel einer von christlichen Motiven wie Erlösung und Vergebung getriebenen, moralischen Auseinandersetzung mit der Welt war. Mehr noch: West kokettiert schon länger damit, selbst als messianische Erlöserfigur gesehen zu werden. „Yeezus“, eine Kombination aus „Jesus“ und dem Kanye-Kürzel „Ye“, lautete bereits 2013 der Titel seines sechsten Albums.

Was bisher 2020, also nach „Jesus is King“, von West erschien, war politischer denn je. Vor wenigen Wochen veröffentlichte er die Single „Wash Us In The Blood“, für die er mit Travis Scott und dem Videokünstler Arthur Jafa kooperierte. Das Ergebnis ist ein Video, das unter anderem Bilder schwarzer Covid-19-Patienten zeigt, die unter Atemnot leiden. Sie verweisen auf den Umstand, dass Schwarze in den USA härter von der Pandemie getroffen wurden als Weiße – aber auch auf das zum politischen Schlachtruf erhobene Echo der Worte George Floyds: „I can’t breathe“. War der Rapper von seinem vermeintlichen Relativismus gegenüber schwarzen Belangen abgerückt? Wie so oft bei West gibt es hier keine eindeutige Antwort.

Die erste Auskopplung aus dem neuen Album, der gleichnamige Song „Donda“, ist nach Wests Mutter benannt und als Hommage an sie zu verstehen. Bevor in diesem Song überhaupt irgendein Beat einschlägt, ist ein ungewöhnlich langes Voice-over zu hören. Es handelt sich um den ikonischen Text des HipHop-Urvaters KRS-One aus „Sound Of Da Police“ – von Wests Mutter selbst eingesprochen. Möglicherweise ist auch das als Wink auf die anhaltende Polizeigewalt auf den Straßen und auf Black-Lives-Matter-Protesten zu verstehen. Der Rest des Albums steht bislang noch, sprichwörtlich, in den Sternen.