Raphael Gross amtiert seit vier Tagen als neuer Präsident des Deutschen Historischen Museums. Der 1966 in Zürich geborene Historiker, seit Jahrzehnten arbeitet er in Deutschland und Großbritannien, hat wissenschaftlich breit geforscht, insbesondere zur Ideengeschichte und Geschichte der deutschsprachigen Juden. Ein Generalist, wie er selbst sagt. Wir treffen ihn in seinem Büro am Kupfergraben, die Regale sind noch fast leer.

Als Sie berufen wurden, sprachen einige Kommentare davon, dass dieser Posten der wichtigste der deutschen Museumslandschaft sei, sie also potenziell der wichtige deutsche Museumsdirektor.

Also es gibt Erwartungen aus verschiedenen Seiten und die sind vielfältig und widersprechen sich oft. Da gibt es die Presse, die Politik, Besucher und Besucherinnen, das Team hier im Haus, die Kollegen in der Geschichte und Kunstgeschichte. Aber ich glaube, das ist ein bisschen, wie wenn man ein Buch schreibt und denkt: Was möchten die Leser gerne für einen interessanten Roman von mir lesen? Dann hat man schon verloren. Man muss sehr gut überlegen, was findet man selbst interessant, wie binde ich das Team ein, wie gehe ich mit den Sammlungen um, was sind die Geschichten, die für dieses Haus und sein unglaubliches Potential geeignet sind. Und dann sieht man  schon, dass da die Person des Präsidenten zwar eine gewisse Rolle spielt, aber nur funktionieren kann in der Kombination.

Haben Sie schon eine Idee, welchen Roman Sie hier schreiben wollen?

Ja, schon, aber den erzähle ich Ihnen hier nicht, sonst ist die ganze Spannung raus. Das ist hier ja keine Tageszeitung, wo am nächsten Tag schon etwas passieren muss, auch keine Talkshow. Das Museum ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die sammelt, forscht, dokumentiert, vermittelt. Das alles sind Prozesse, die langsam sind, sonst können sie auch gar nicht richtig funktionieren. Da gibt es das Kino, das ich sehr liebe, die Wechselausstellungsräume, die unglaubliche Sammlung. Es ist eben ein historisches Museum, keines für zeitgenössische Kunst oder für Antike.

Welche Aufgabe hat das DHM denn aus Ihrer Sicht?

Es ist der Ort, in dem es um historische Urteilskraft geht. Hier kann man einem Publikum Möglichkeiten eröffnen, aus einer historischen Perspektive mit dem umzugehen, womit wir derzeit konfrontiert sind: Mit einem Europa etwa, das – wenn wir es aus der EU-Perspektive denken – plötzlich einen Teil verliert, nämlich Großbritannien, in dem Deutschland eine dominierende Rolle einnimmt, ob es das will oder nicht. Da ist es ganz wichtig, dass man hier vor dem Hintergrund der Geschichte lernt nachzudenken, und dies Potenzial will ich stark machen. Das wäre dann schon mal ein Kern des Romans.

Ihr Haus heißt  nicht umsonst Deutsches Historisches Museum. Was ist der deutsche Teil dieses Romans?

Wenn man so fragt, hat man schon die Aufforderung gegeben: Definieren Sie jetzt doch mal jetzt endlich, was ist deutsch…  Wenn ich Sie jetzt aber umgekehrt frage, was ist deutsch an einem VW, und was ist, wenn dieser VW in China herumfährt – haben wir dann deutsches Kulturgut exportiert? Und wenn Teile des Golfs in China gefertigt, womöglich sogar entwickelt wurden, ist dann mein Golf ein chinesisches Auto? Nur dann, wenn der Motor auch in China gefertigt wurde? Oder können schon die Rückspiegel die kulturelle Identität eines Autos verwässern?

Chinesen würden doch das Auto kaufen, eben weil da Made in Germany drauf steht.

Das sagen Sie. Aber es gibt unendlich viele Gründe, ein Produkt zu kaufen. Und vielleicht fällt man ja in China auf die gleiche Vorstellung von Deutschland herein, die schon in Ihrer Frage steckt? Wenn wir über das 20. oder das 13. oder das 9. Jahrhundert reden, dann sind das ganz andere „Deutschlands“ als das, was wir heute zu kennen glauben, kulturell, politisch, sprachlich. Und wenn man deutsche Geschichte im europäischen Rahmen zeigt, sagt man ja nicht, es gibt keine deutsche Geschichte. Aber man bindet sie ein in einen Zusammenhang. Und das ist ja zum Glück schon von Anfang an die Aufgabe des Hauses.   

Aber ist die 80er-Jahre-Frage nach der nationalen Identität nicht wieder hochaktuell, wenn man sich die Wahlerfolge von nationalistischen Parteien ansieht? Wie antwortet ein Museum darauf, das sogar den Begriff „deutsch“ im Namen führt?

Nicht indem ich die Behauptungen der Nationalisten zu meinen Fragen mache. Als Wissenschaftler muss man sich fragen, was sind eigentlich die dahinter liegenden, die großen Themen. Aber man sollte sich nicht diese Themen von Splitterparteien diktieren lassen.

Spielt bei dieser Abgeklärtheit die Schweizer Perspektive eine Rolle, die Sie mitbringen?

Also ich finde das immer wichtig, dass man über seine eigenen Perspektiven rekuriert. Aber hier im Haus sind schon zehntausende von Entscheidungen gefällt worden, lange, bevor ich kam, wo ein großes Team von Experten und Wissenschaftlern bei mehr als einer Million Objekten entschieden hat, ob die wichtig sind. Ich bin nur ein Element, ich bin nicht das Haus. Das wäre Größenwahn. Und was heißt Schweizer Perspektive? Seit über zwanzig Jahren lebe ich in England und in Deutschland. Ich halte etwa die EU als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg für ein ganz wichtiges Projekt – schon da entspreche ich nicht so sehr dem schweizerischen Klischee …

Aber was ist dann der rote Faden, an dem Sie sich orientieren wollen?

Eben die Stärkung historischer Urteilskraft. Wenn etwa ein deutscher Politiker sagt, wenn die Schweiz jetzt dies und jenes nicht macht, dann müssen wir die Kavallerie schicken, dann löst er Resonanztöne aus, über die dieser Politiker vielleicht gar nicht nachgedacht hat. Schweizer aber erinnern sich auch an die Schlacht von Murten 1476, in der die schweizerischen Fußsoldaten die burgundische Kavallerie vernichtend geschlagen haben. Oder sie denken an die Machtallüren der großen Staaten Europas. Es geht darum, wie kann man sich gegenseitig verstehen, andere Perspektiven sehen.

Bisher spielen wandernde, sich verändernde Kulturen im DHM kaum eine Rolle.

Sie haben dies Interesse, andere haben jenes. Besucher aus Ungarn – etwa die Hälfte unserer Besucher kommen aus dem Ausland – Besucher aus Istanbul oder solche mit türkischen Wurzeln aus Deutschland, die haben alle andere Fragen. Das ist ein Riesenprozess, so eine Dauerausstellung zu gestalten. Reicht das, wenn ich dem Thema einige Quadratmeter widme, oder müssen wir das ganz in die Gesamtgeschichte einflechten? Das Exil, die Vertreibung und Ermordung der deutschen Juden, die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, die Religionskonflikte seit der Reformation … aber es wäre unseriös, wenn ich hier schon etwas festlege. 

Braucht es für diese Vielfalt der Perspektiven überhaupt noch den großen Roman, die Dauerausstellung?

Ich werde sicher mit meinen Kollegen die Wechselausstellungen als eine Art Labor benutzen, wie gehen wir mit den Sammlungen und Objekten um, wie entwickeln wir die eigene Sprache des Hauses. Aber sicherlich brauchen wir eine Dauerausstellung als Fundament des Hauses – das wiederum darf nicht zu statisch sein. Es ist ein Prozess.

Wie soll das abgestimmt werden auf das Humboldtforum? Das ist ja auch ein kulturhistorisches Museum, hat auch eine hochpolitische Aufgabe.

Die Gründungsintendanten haben bereits um Kontakt gegebeten, ich hatte schon die Gelegenheit, Herrn MacGregor zu treffen. Aber wir werden Themen wie Migrationsgeschichte oder Kolonialgeschichte auch künftig sicherlich nicht ausblenden. Wir haben schließlich unendlich viele Zugänge zur Geschichte und unendlich viele Fragen – und in dieser Spannung dürfen wir leben.

Das Gespräch führte Nikolaus Bernau.