Kendrick Lamar.
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Kendrick Lamar hat einen irren Lauf. Er kann offenbar nichts falsch machen dieser Tage, und daher ist ihm auch mit diesem „Soundtrack“ wieder ein ziemlicher Wurf gelungen. Man muss den Begriff hier in Anführungszeichen verstehen, denn natürlich geht es bei „Black Panther – The Soundtrack“ schon auch darum, zwei Marken fruchtbar miteinander zu koppeln, zur wechselseitigen Verstärkung des Finanzflusses: Dies ist „Musik aus und inspiriert von ’Black Panther’“.

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Sie erscheint auf Top Dawg Entertainment, dem derzeit vielleicht wichtigsten HipHop-Label der Welt. Welche Songs man tatsächlich im Film hört, kann man erst sagen, wenn man ihn gesehen hat. Dass auf dem Top Dawg-Soundtrack „Legend Has It“ des Indie-HipHop-Duos Run the Jewels fehlt, mit dem der Film seit letztem Sommer schwer beworben wurde, ist zumindest ein bisschen verwirrend.

„Black superhero music, baby“

Der in dieser Woche anlaufende Film wiederum scheint, glaubt man den schon länger kursierenden Kritiken, ein Meisterwerk fortgeschrittener Blockbustertechnologie zu sein. Von Marvel-Großdesigner Stan Lee 1966 erfunden, erzählt „Black Panther“ von T’Challa, einem afrikanischen Superhelden und König des fiktiven Staates Wakanda – wobei offenbar mehr oder weniger die Geschichte des schwarzen Kontinents und ihre Ungerechtigkeiten im Alleingang gerächt werden und der dazu gleich noch Gender und Klassenfragen korrekt sortiert. Nicht gerade der übliche Stoff aus dem Hause Disney, dem Marvel angehört.

Den Score zum Film hat der eher unbekannte schwedische Komponist Ludwig Göransson produziert. Lamar war für die scheint’s häufig eingesetzten Popsongs zuständig. Jay-Z, Lamars Vorgänger auf dem HipHop-Thron, sprach schon vor zehn Jahren von HipHop als „Black superhero music, baby“. Lamar macht jetzt in jeder Beziehung ernst damit.

Kraftvoll politische Performances

Einerseits wirkt der 30-jährige Rapper selbst wie ein schwarzer Superheld. Er kommt sogar aus dem quasi-mythischen L.A.-Bezirk Compton, der seit den frühen Gangsta-Tagen von NWA nicht mehr so schillernd bearbeitet wurde wie auf Lamars dreieinhalb Alben. Mit seinen beiden letzten, räumte er jeweils fünf Grammys ab, wobei man nicht vergessen darf, dass ihm nicht nur die an Verkaufszahlen orientierte Grammy-Academy, sondern auch stets die Kritik unisono zur Seite stand.

Dass man ihm bei den Grammys sowohl für das absolute Pop-Meisterwerk „To Pimp a Butterfly“ wie für den fast ebenso nachdrücklichen Nachfolger „Damn“ die Krone des besten Albums zugunsten von Taylor Swift (2016) und Bruno Mars (2018) verwehrte, verstärkt den Heldenstatus beinahe noch – mit größter Coolness stahl er allen in seinen kraftvoll politischen Performances trotzdem die Show.

Eine überzeugende Compilation

Hier nimmt er im Titeltrack mit größter Selbstverständlichkeit und seinem bekannt dringenden und drängelnden Flow die Position des Filmhelden ein und räubert mal eben durch alle virulenten Topics der afroamerikanischen Community. Mit dem Schlachtruf „King of my city, king of my country, king of my homeland“ tanzt er über die elektronisch-tribalistischen Drums: „Black Panther, King Kendrick, all hail the King“. Andererseits interpretiert er hier seine Kuratoren-Rolle als Teamspieler.

Heute kriegt natürlich jeder Bäckerlehrling, der die Brötchen sicher in den Korb leert, einen Credit als Kurator. Aber Lamar setzt hier nicht nur die Gastkünstler seiner eigenen Tracks großartig in Szene; er holt sich auch für die anderen Songs höchst geschmackssicher Musiker ins Boot und taucht noch an Stellen auf, an denen er gar nicht offiziell geführt wird. Im Ergebnis hört man eine Compilation, die im Ton so überzeugend durchläuft, wie man das bei solchen Unternehmen selten hat.

Abstrakte, afrofuturistische Beats

Seine Gästeliste featuret klangvolle Namen – aber sie wurde deutlich nach modernistischen Geschmackskriterien besetzt. The Weeknd schmilzt auf einem poppigen Track dahin, Vince Staples, digitaler Neo-Gangsta aus L.A. näselt atemlos und schräg durch das zerbeulte „Opps“, man hört High End-Newcomer wie die grammynominierten Khalid und SZA, den Trap-Star Future, den Neo-Soulmann Anderson .Paak und den Dubstep-Crooner James Blake.

Dazu gibt es aber auch Lamar-Zöglinge wie Zacari und einige südafrikanische Gäste wie Babes Wodumo, eine Diva des südafrikanischen Clubgerappels Gqom oder den Rapper Saudi, die auf Zulu rappen. Trotz der Disney-Connection nehmen die Rapper wie Vince Staples, Südstaatler Mozzy oder Lamar selbst kein Blatt vor den Mund und niemand richtet seine oft völlig abstrakten, afrofuturistischen Beats fürs Mainstream-Publikum her.

Wille zum Beat

Als Illustration für die durchgehend prickelnde Stimmung kann man das irrwitzig bunte, spektakulär afrikanistische Video zu „All the Stars“ ansehen.Vielleicht lastet man Lamar mit den naheliegenden Vergleichen zu Isaac Hayes’ „Shaft“ zu viel Bürde auf: Als Richard Roundtree 1970 zu Hayes’ Heldengesang durch New York trabte, (mit diesem kraftvollen Gehört-alles-mir-Gang, den sich erst letztens wieder Idris Elba für „Luther“ geliehen hat), gab es zu viele erste Male: schwarzer Regisseur, schwarzer Held, schwarze Musik, schwarze Community. 

Aber man spürt auf diesem tollen HipHop-Album eine vergleichbare unruhige Erwartung. Und den Willen zu einem Beat, der nicht nur die Musik mobilisiert.