Der Berliner Rapper Sido während seines Auftrittes beim  „Back to Live“-Open-Air.
Foto: imago images/Andreas Weihs

BerlinIn den frühen 2000ern war der Ost-Berliner Rapper Sido bei vielen jungen HipHop-Fans angesagt. Seine Lieder waren einerseits hart, anderseits locker, zugleich aber auf eine Art witzig und nie abgehoben. Das brachte einen frischen Wind in die Berliner Rapszene – und natürlich auch in die Kinderzimmer sämtlicher Teens.

Mit den Jahren hat sich der mittlerweile 39-jährige Star jedoch nicht nur räumlich von seinem „Block“ verabschiedet. Der nun im Speckgürtel wohnende Künstler ist mit poppigen Beats, volkstümlichen Refrains und zahlreichen TV-Auftritten massentauglich geworden. Mit Gesangspartnern wie Mark Forster und Andreas Bourani hat er einen festen Platz im Deutsch-Pop eingenommen – was wiederum erstaunlich ist. Denn wer hätte gedacht, dass einmal Bourani-Fans Lieder von Sido hören und vermeintliche HipHop-Fans Bourani-Pop?

5000 Besucher haben Sido in der Waldbühne gesehen.
Foto: Berliner Zeitung/Nadja Dilger

Sido macht es jedenfalls möglich. So etwa am Samstagabend beim dritten Konzert der gestarteten „Back to Live“-Open-Air-Reihe in der Waldbühne Berlin. Nach zwei ausverkauften Abenden mit Schlager-Sänger Roland Kaiser unterhielt Sido 5000 zugelassene Besucher. Aufgrund der aktuellen Beschlüsse zu Covid-19 konnten die 22.000 vorhergesehen Plätze nicht besetzt werden. Mit Stickern wurde genau markiert, wer wo sitzen darf – Waschbecken wurden abgeklebt, Aufseher eingestellt. Alles, damit sich die Gäste an die nötigen Hygienestandards halten. Was in der Waldbühne auch funktioniert – bei der Anfahrt sieht es anders aus: Bereits einige Meter vor dem Einlass wird ohne Maske gedrängelt.

Sido nennt Reporter „Abschaum“

Dabei hätten sich die Besucher gar nicht beeilen müssen. Sido lässt seine Fans eine halbe Stunde warten und schleust zudem noch eine Vorband für weitere 30 Minuten ein. Doch weder die, noch die zuvor abgespielten Outkast-Songs lassen die Zuschauer groß jubeln. Die Fans wollen Sido – und zwar genau die Mischung, die er für die Masse vorbereitet hat: bisschen HipHop, bisschen Pop und Zeilen über Väter, Vorbilder und die Welt. Dabei gibt sich Sido als passabler Unterhalter, der zwischen den Liedern plappert und versucht, Witze zu reißen. Einer geht allerdings schief.

Als er ankündigt, dass er nicht gern über Corona spreche, da bei jeder unbeliebten Aussage die Reporter vor seiner Tür stünden, nennt er plötzlich die Journalistenzunft „Abschaum“. Diese Kritik bezieht sich wohl auf die zuletzt unseriöse Berichterstattung vor Sidos Gartenzaun durch die Bild-Zeitung, aber das wird nicht weiter präzisiert oder konkret genannt. Das Pauschalurteil gegen Journalisten verstört jedenfalls.

Sido versucht noch zwischen seinen Hits einzuwerfen, dass wir es schon alle schaffen und dass wir das beste aus der Krise machen werden. Dann ruft er noch uninspiriert „Black Lives Matter“ und der DJ spielt den nächsten Mitgröl-Track. Die Chart-Hörer kriegen, was sie wollen. Einstige Rap-Fans hätten sich jedoch sicher mehr vom Jungen aus Ost-Berlin gewünscht.

Weitere Infos zur „Back to Live“-Konzertreihe sowie Tickets unter: www.semmel.de