Berlin - All Black Everything: Michael Kurth, 42, dokumentiert bereits durch die Wahl seines Dresscodes zum Interview, dass er HipHop seit mehr als zwei Dekaden bis ins Mark verinnerlicht hat. Unter dem Künstlernamen Curse feierte er in den 2000er-Jahren musikalische Erfolge, kooperierte mit Größen wie Silbermond und Westernhagen. Nach dem Aufstieg kam die Auszeit: Curse verabschiedete sich einige Jahre aus dem Musikgeschäft, kehrte später wieder zurück und konnte als Coach neue berufliche und private Erfahrungen vorweisen.

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt der Wahl-Berliner, der gebürtig aus Minden stammt, wie man zu mehr Gelassenheit im Leben kommen kann, warum der Song „Cotton Eye Joe“ ihm die Augen öffnete, und spricht über die Kunst, die richtigen Fragen auf dem Weg zum Ziel zu stellen.

Sie sind seit über 20 Jahren Rapper, seit geraumer Zeit zudem Coach, Podcaster, Buchautor, Workshopgeber, Meditationsexperte. Wie stellen Sie sich in einer Runde vor, die Sie nicht kennt?

Ich stelle mich als Rapper vor. In der Regel sind dann alle wach. Früher habe ich es oft vermieden zu sagen, dass ich Rapper bin, weil ich keinen Bock auf die Klischees hatte und dachte, mich nimmt sowieso keiner ernst. Ich habe meistens erzählt, dass ich in der Musikindustrie tätig bin. Heute habe ich das Gefühl, dass es viel weniger Vorurteile gegenüber Rappern gibt, weil die Musik komplett im Mainstream angekommen ist.

Immer in der Öffentlichkeit zu stehen und meine Musik verkaufen zu müssen, war für mich eher ein notwendiges Übel.

Curse

Ihre erste Berufung im Leben hieß HipHop, mit der Sie bis 2010 in der Szene erfolgreich waren. Dann haben Sie sich eine längere musikalische Auszeit genommen. Hat Rappen Sie unglücklich gemacht?

Nein. Ich liebe das Schreiben, die Sprache und auf der Bühne zu stehen. Der Prozess des Musikschaffens hat mich nie gestört. Aber immer in der Öffentlichkeit zu stehen und meine Musik verkaufen zu müssen, war für mich eher ein notwendiges Übel. Für mich war das eine Quelle für Unsicherheit und Stress. Es war lange Zeit so, dass ich gedacht habe, wenn ich den Job mache, den ich liebe, dann werde ich automatisch glücklich. Ich hatte meinen Fokus so sehr darauf gelegt, dass ich gewisse Bedürfnisse in meinem Leben hintenangestellt habe. So bin ich durch Auf- und Ab-Phasen gegangen, bis ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergeht. Dann habe ich erst mal Abstand von der Musik genommen. In der Zeit habe ich mich Dingen gewidmet, die ich in den zehn Jahren zuvor ziemlich vernachlässigt hatte.

Was war für Sie während Ihrer musikalischen Pause wichtig zu lernen?

Wenn ich mich entwickeln will und mehr Klarheit und Gelassenheit in mein Leben bringen möchte, ist es wichtig, in Selbstversuchen eigene Erfahrungen zu sammeln. Das kann etwas sein, wie ein paar Tage nur die Wand anzustarren, aber auch mit Kumpels wie wild durch den Keller zu springen und seine verrückte Seite auszuleben. Ich habe beide Erfahrungen gemacht und mir hat es sehr gutgetan, meine Komfortzone zu verlassen. Sein oftmals starres Selbstbild aufzulockern, ist wichtig.

Welche Musik hat Sie durch diese Zeit begleitet?

Dazu kann ich eine kleine Anekdote erzählen. Ich war bei einer Meditationsgruppe, die sich vor dem Meditieren in gebatikter Kleidung zu „Cotton Eye Joe“ von Rednex aufgewärmt hat. Da dachte ich mir nur: Wollt ihr mich verarschen? Ich tanze, wenn Musik von Gang Starr oder Nas läuft. Aber die anderen haben mich dann aus dieser Komfortzone herausgeholt und ich habe sowohl zu „Cotton Eye Joe“ als auch zu „Sing Hallelujah“ von Dr. Alban getanzt.

"Was du bist" ist eine von Curse' Singleauskopplungen seines letzten Albums "Die Farbe von Wasser" (2018).

Video: YouTube

Kann man zu Rapmusik meditieren?

Man kann grundsätzlich mit und zu allem meditieren. Die Grundlage ist, dass das Präsentsein mit sich selbst hervorkommt. Ich meditiere selten mit Musik. Für Leute, die Rapmusik lieben, würde ich Instrumentals empfehlen, weil Texte viel Inhalt und Konzept haben. Jeder Satz, den ich höre, lenkt mich von mir selbst ab.

Biografie Curse

Michael Kurth, 42, ist in Minden aufgewachsen und hat Soziologie und Religionswissenschaft studiert, bevor er sich unter dem Namen Curse professionell dem Rappen widmete. Im Jahr 2000 erschien sein Debütalbum „Feuerwasser“, bis heute hat er sieben Soloplatten veröffentlicht. Zu seinem beruflichen Spektrum gehören neben der Musik auch Life Coaching-Kurse. Kurth ist zudem Podcaster, Buchautor, bekennender Buddhist und lebt in Berlin.

Sie haben auch eine Ausbildung zum Systemischen Coach absolviert. Was haben Rappen und Coachen gemeinsam?

Coaching und Rap sind für mich sehr ähnlich, weil mir beides dabei hilft, mich besser zu verstehen, die Welt wahrzunehmen und mit anderen in Austausch zu kommen. Wenn ich meine Musik mache, ein Buch schreibe oder meinen Podcast aufnehme, ist die Intention immer dieselbe: Ich möchte die Dinge, die mich begeistern und mir guttun, mit anderen Menschen teilen. Nur das Medium, der Style und die Herangehensweise ist immer eine andere, aber die grundlegende Intention, wie wir miteinander kommunizieren können, bleibt immer gleich.

Wie haben Rap-Kollegen von Ihnen auf Ihren Wandel reagiert?

Ich war komplett überrascht. Ich habe mir große Sorgen und Gedanken darüber gemacht, was andere Rapper sagen könnten, aber ich habe fast ausschließlich positive Rückmeldungen bekommen. Mehrere Rap-Kollegen haben mir geschrieben und gesagt: „Ich habe wegen dir angefangen, zu meditieren oder ein Dankbarkeitstagebuch zu führen.“ Das hat mich glücklich gemacht.

Von welchem Rap-Kollegen würden Sie einen Workshop besuchen?

Samy Deluxe ist jemand, der eine unglaubliche Gabe hat, anderen Menschen dabei zu helfen, dass sie ihr volles Potenzial entfalten können. Bei ihm könnte man sofort einen Kurs besuchen, bei dem man seine eigenen Stärken entdecken kann. Max Herre geht sehr intelligent und reflektiert damit um, wie man an sich selbst arbeiten kann und Verantwortung geschultert wird.

Sie haben mal gesagt „HipHop ist wie mein drittes Elternteil.“ Was gibt Ihnen die Musik, was eine menschliche Beziehung Ihnen nicht geben kann?

Musik ist immer da, wenn es für mich schwer ist, menschliche Beziehungen zu führen, die mich stützen. Oder in Phasen, in denen man sich einsam fühlt, nach einem Streit oder wenn man Angst hat, sich gegenüber anderen zu öffnen. Musik ist ein starker Anker in meinem Leben und absoluter Wegweiser.

2014 haben Sie dann eine neue Platte veröffentlicht, vier Jahre später die nächste. Wie hat sich Ihre Musik nach Ihrem Wandel verändert?

Was sich grundlegend verändert hat, ist meine Herangehensweise. Früher habe ich meine Musik dafür verantwortlich gemacht, dass ich glücklich bin. Diese Verantwortung habe ich komplett rausgenommen. Ich kann jetzt viel entspannter Musik machen, mit mehr innerer Freiheit und trotzdem mit der gleichen Begeisterung.

Ich möchte die Dinge, die mich begeistern und mir guttun, mit anderen Menschen teilen.

Curse

Sie geben aktuell Kurse mit dem Titel „Gib dich selbst niemals auf“. Was möchten Sie den Teilnehmern darin vermitteln?

Vor allem, dass wir alle wertvoll sind. Wir haben schon viele Krisen in unserem Leben gemeistert, sind nur immer wieder an Punkte gekommen, an denen wir das scheinbar vergessen und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Das heißt aber nicht, dass die Kräfte, die wir haben, nicht in uns liegen. Wir verlieren nur immer wieder den Kontakt dazu. Mir geht es hauptsächlich darum, gemeinsam mit den Leuten diesen Kontakt wiederherzustellen – weniger jedes Problem zu lösen oder jeden Traum zu erfüllen.

Welche Geschichten bringen die Menschen, die an Ihren Kursen teilnehmen, mit?

Das ist unterschiedlich. Manchmal geht es um Entscheidungen beruflicher oder privater Natur, manchmal geht es darum, wirklich tiefsitzende Muster oder Erlebnisse umzudenken und neu zu strukturieren und an Gefühlen von Wertlosigkeit zu arbeiten.

Viele Menschen starten mit guten Vorsätzen ins neue Jahr. Oft verpuffen diese aber nach kurzer Zeit. Wie kämpft man gegen den inneren Schweinehund?

Der innere Schweinehund kommt meistens in Situationen, in denen wir irgendetwas nicht wirklich machen müssen, aber vielleicht sollten. Ich setze mir in solchen Fällen immer eine Deadline. Deadlines und Verbindlichkeit sind für mich Dinge, dass eine Sache zu einem Muss wird. Wenn ich Verbindlichkeit schaffe und mich fest verabrede, hat der innere Schweinehund viel weniger Spielraum. Das ist die extrinsische Motivation. Man kann auch mit der intrinsischen Motivation arbeiten, also das, was viele Leute Mindset nennen. Ich nenne es gerne Intention.

Welche Fragen sollte man sich stellen, um seine Intention für eine Sache zu erkennen?

Um sein Ziel besser erreichen zu können, kann man sich anstelle der Frage „Was ist mein Ziel?“ die Frage stellen: „Woran würde ich erkennen, dass ich mein Ziel erreicht habe?“ Durch diese Fragestellung gelangen wir auf eine Ebene, wie wir uns fühlen und was wir wahrnehmen, und sind viel näher an unseren Bedürfnissen dran. So kann ich mich leichter früherer Ressourcen bedienen und mich fragen: „Gibt es in meiner Vergangenheit etwas, bei dem ich ein ähnliches Ziel schon mal erreicht habe?“, „Wie habe ich das geschafft?“, „Wie kann ich mir von mir selbst etwas abgucken?“, und: „Wie würde es sich anfühlen am Ziel zu sein?“

Wenn man kleine Schritte macht, bleibt man flexibel, agil und kann sich anpassen. Das ist oftmals erfüllender, als stur das Endziel im Kopf zu haben.

Curse

Viele brauchen einen strukturierten Plan, um voranzukommen. Planen kann man aktuell aber nicht wirklich. Was kann helfen?

Einen Plan zu machen, der auf seine eigenen Werte oder Bedürfnisse ausgerichtet ist. Ein ausgeklügelter Zehn-Punkte-Plan ist oft schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt, weil an irgendeiner Stelle das Leben dazwischenkommt und man das nicht mit einberechnet hat. Es geht nicht darum, direkt zu Punkt zehn zu kommen und sein Ziel zu erreichen. Wer aktuell auf einer drei steht, kann schauen, wie er am besten auf eine vier kommt. Das kann eine kleine Sache sein, wie zum Beispiel einen Anruf zu tätigen, etwas Bestimmtes dafür zu kaufen oder eine Entscheidung zu treffen. Wenn man kleine Schritte macht, bleibt man flexibel, agil und kann sich anpassen. Das ist oftmals erfüllender, als stur das Endziel im Kopf zu haben.

Sie haben ein Buch mit dem Titel „Stell dir vor, du wachst auf“ geschrieben. Welche Möglichkeiten ergeben sich direkt nach dem Aufwachen und am Morgen, damit man fokussierter ist?

Wer an sich selbst arbeiten möchte, stellt sich oft die Frage: „Wo kann ich denn anfangen?“ Eine Antwort darauf ist: am Tagesbeginn. Wenn man merkt, dass man seinen Tag mit mehr Ruhe und Klarheit gestalten möchte, kann man sich die Frage stellen: „Wie wache ich morgens auf?“ Viele Leute schauen sofort auf ihr Smartphone und sind dann in einer Welt drin, die direkt zu Stresshormonen führen kann. Man kann sich aber auch bewusst dafür entscheiden, die ersten 15 oder 30 Minuten des Tages ganz ohne das Smartphone und nur mit sich selbst zu verbringen.

Ihre Mutter hat in Ihrer Kindheit den Satz „Bücher sind Freunde“ zu Ihnen gesagt. Welche neuen Freunde haben Sie in letzter Zeit gewonnen?

„Malé“ von Roman Ehrlich kann ich sehr empfehlen. Darin geht es um eine Zukunftsutopie, die aber realistisch betrachtet gar nicht so weit weg ist. Die Malediven sind fast nicht mehr bewohnbar und drohen im Meer zu versinken. Deswegen hat sich dort eine Mischung aus Hippies und Kriminellen angesiedelt, die eine utopische Gesellschaft führen. Aktuell lese ich von A. H. Almaas „Forschungsreise ins innere Universum“. Darin geht es darum, sich selbst gute Fragen zu stellen.

Haben Sie sich schon die Frage gestellt, wann neue Musik von Ihnen erscheinen soll?

Durch das letzte verrückte Jahr habe ich da komplett den Druck rausgenommen. Aber ich habe bereits ein paar Songs fertig. 2021 sieht gut aus.