Lizzo beim Berliner Konzert in der Columbiahalle
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinViele junge Menschen waren am Donnerstagabend in die Columbiahalle gekommen, um den restlos ausverkauften Auftritt der US-amerikanischen Sängerin, Rapperin, Flötistin und Rundum-Inspiratorin Melissa Viviane Jefferson alias Lizzo zu begutachten und dabei die Protagonistin und sich selbst aufs Energischste zu feiern.

Lizzos enorm projektionsfähiges Stimmvolumen wird von ihr ganz in den Dienst der Liebe gestellt. Oder besser: des Singens über die Folgen zerbrochener Liebe, vor allem die daraus entstehende Entdeckung der Zuneigung zu sich selbst und der Welt im Allgemeinen. Nicht zufällig heißt Lizzos drittes, im Januar erschienenes Album, mit dem ihr der Durchbruch gelang, auch „Cuz I love you” - wobei das „you” vor allem als „me” zu verstehen ist, beziehungsweise als Aufforderung ans Hörer-„you”, ihr eigenes „me” zu lieben!

Dieser Aufforderung kamen die Fans bereitwillig nach, denn natürlich folgt man am Ende eines langen Tages voller kleiner und großer Demütigungen in Arbeit, Familienleben und sozialen Medien nur zu gerne der Weisung, sich selber zur Abwechslung auch mal ein bisschen gut zu finden.

Auf dem Cover der britischen "Vogue"

Lizzo regte diesen Impuls überzeugend mit ihrer gewaltigen Soul-Stimme und ihren beachtlichen Fähigkeiten als Rapperin durch den Einsatz ihres stolz-fülligen Körpers an, mit dem sie, goldglitzerbekleidet und von Tänzerinnen begleitet, twerkte und tanzte. In den Pausen zwischen Stücken ließ sie ihre ganze Pracht ruhig dastehend wirken, während sie halb ironisch, als sei sie beim Fototermin vor einer Werbewand voller Markennamen, den Kopf in den Nacken warf. Aufs Cover der britischen Vogue habe sie es schon geschafft, die deutsche käme hoffentlich auch bald.

Ansonsten bestand das Konzert oder - sagen wir - das Motivationsseminar mit Lizzo aus nahtlos aneinandergereihten Highlights. Die Zeile „I am my inspiration” wurde tonsicher aus Tausenden Kehlen auf die Bühne zurückprojiziert, Lizzo übte mit uns Selbstliebe durch Abgrenzung, indem sie Berlin zum München-Dissen animierte („Buuuh”, so fünftausend Leute). Sie gab die auf einem Barhocker vorgetragene Sechsachtel-Ballade „Jerome” zum Besten, deren Akkorde übrigens dieselben wie die von Radioheads „Creep” sind, seinerseits eine Art umgekehrte Motivationshymne für alle Außenseiter. Das mobiltelefonleuchtende Lichterwedeln war ein besonders effektives Vehikel für Lizzos Gesangsakrobatik, und ein zur Melodie von Beethovens Fünfter gesungenes „Bitch, bitch, bitch, biiiitch” stellte in seiner grandiosen Beknacktheit den Höhepunkt des Abends dar. Missy Elliots Gast-Part in der sehr Missy-Elliot-haft groovenden Hitsingle „Tempo” wurde von Lizzos DJ Sophia Eris sowie dem Auditorium übernommen, und kurz vor Schluss erklang „Truth Hurts”, jenes Stück, das entstand, als Lizzo eines Tages im Studio über ihren soeben zum Ex gewordenen Lover redete, woraufhin ihr Produzent sagte, sie habe soeben einen Hit geschrieben.

Zum Old-School-Disco-Funk-Rap im Hit „Juice” kam auch die Querflöte zum Einsatz, so ein Lizzo-Konzert ist eine ganzheitlich inspirierende Kommunikation.