Die kontrafaktische Geschichtsbetrachtung ist mittlerweile eine beliebte Methode unter Historikern geworden. Man darf endlich die Frage stellen: Wie wäre es, wenn. Wie wäre es zum Beispiel, wenn die Europäer dem Rassismus nicht zum gesellschaftlichen und politischen Erfolg verholfen beziehungsweise wenn sie nicht den modernen Antisemitismus erfunden hätten? Antwort: Da hätte es den Zionismus nicht gegeben! Oder besser: Da wäre die nationaljüdische Variante redundant, und es wäre nicht zum Nahost-Konflikt gekommen, so wie wir ihn kennen. Und nein, diese kontrafaktische Überlegung bezieht sich nicht auf den Zusammenhang zwischen der Shoah und Israel, sondern auf die europäisch-jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts, jedenfalls vor dem Zweiten Weltkrieg.

Nationalistische Ideologien und der Antisemitismus in Europa führten seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur zum „Export“ von Juden aus Europa nach Palästina, sondern auch zum direkten und indirekten Export des europäischen Rassismus. Fragt man nach dem Stellenwert des gegenwärtigen Rassismus im Nahost-Konflikt, so lassen sich seine europäischen Wurzeln nicht leugnen.

Dabei kommen zwei Paradoxien zum Vorschein. Erstens, dass der Rassismus sogar unter den Opfern des europäischen Rassismus, nämlich bei den Juden, Fuß fassen konnte. Und zweitens: Dass sogenannte Semiten, nämlich Araber, sich auch der Sprache des rassistischen Antisemitismus bedienen. Beide Paradoxien lassen sich durch die Vermischung von modernen europäischen und alten religiösen Quellen zu einer eigenartigen nahöstlichen Mixtur erklären.

Rassistische Hetze

Als vor etwa einem Monat drei junge Israelis entführt und ermordet wurden, wurde der Ton des öffentlichen Diskurses in Israel zum Thema Palästinenser noch aggressiver als zuvor. Und nachdem die Leichen der drei vermissten Teenager im Westjordanland gefunden worden waren, brachen alle Dämme. Was man seinem Gegenüber früher nur im privaten Kreis ins Ohr zu flüstern pflegte, erschien nun als Statement auf WhatsApp, Facebook, Twitter, YouTube et cetera. Die Bilder und Parolen geben klar zu erkennen, dass es nicht „nur“ um Vergeltung und Rache gegen die Entführer geht, sondern um eine rassistische Hetze gegen die Araber.

So ließen sich etwa zwei Mädchen prophylaktisch fotografieren und das Bild dann ins Netz stellen: „Das ist kein Rassismus, das sind Werte“. Wer im Internet unter Aarachim.org (auf Hebräisch: Werte) sucht, findet dort Aussagen wie: „Es gibt den positiven Rassismus“. Oder: „Wir sind besser als andere Völker“. Was nach dem Mord an den drei Jugendlichen zum Ausdruck kam, widerspiegelt also eine keineswegs marginale Stimmung in der jüdischen Bevölkerung.

Es gibt mehrere Objekte für den Rassismus in Israel, unter anderem die nach Israel flüchtenden Afrikaner oder israelische Juden äthiopischer Herkunft. Aber an erster Stelle steht unzweifelhaft der anti-arabische Rassismus: Der Bürgermeister von Ober-Nazareth warb mit offen anti-arabischen Slogans um die Gunst seiner Wähler; der Oberrabbiner der Stadt Safed verbot das Vermieten von Wohnungen an Nicht-Juden (also israelische Palästinenser) – um hier nur zwei Beispiele aus dem angeblich nicht-radikalen jüdischen Milieu zu nennen. Der Jerusalemer Fußballclub Betar verpflichtet keine arabischen Spieler, weil seine „Ultra“-Fans es nicht zulassen. Auf einem Transparent auf der Tribüne im Stadion hieß es: „Betar bleibt auf ewig rein!“.