Die Debatte darüber, ob die Fahne der Südstaaten trotz ihrer rassistischen Anklänge als Symbol einer regionalen Identität akzeptabel ist, scheint in den USA einfach nicht abreißen zu wollen. Als einen Monat nach dem Massaker in einer schwarzen Kirche in South Carolina – das diese Debatte ausgelöst hatte – noch immer kein Ende abzusehen war, platzte Ishan Taroor, Kolumnist der Washington Post, der Kragen. „Haltet doch einfach alle die Klappe und lest Ta-Nehisi Coates“, riet er auf Twitter.

Der Kommentar war bezeichnend. Wenn es in den USA um Rassenfragen, Schwarz und Weiß geht, ist Ta-Nehisi Coates, Essayist und Reporter beim Atlantic Magazine, die moralische Instanz Nummer Eins. Die Frage, ob man das Letzte von Coates gelesen habe, sei ein Synonym dafür geworden, ob man das neueste, beste und richtigste über die Rassenbeziehungen in Amerika absorbiert hat, schreibt Carlos Lozada in der Washington Post. Die Reaktionen auf Coates’ soeben erschienene Memoiren „Between the World and Me“ spiegeln diese unangefochtene Autorität des 41-Jährigen wieder. Das Buch wurde als „Klassiker unserer Zeit“, als „genau das Dokument“ bezeichnet, das „Amerika in diesem Augenblick braucht.“

Eine Nation wird angeklagt

Diese universelle Lobpreisung ist erstaunlich. Coates’ 176 Seiten langer Essay, als Brief des Autors an seinen Sohn verfasst, hat nämlich nichts Hoffnungsvolles und kein Rezept dafür, wie Amerika sein Rassenproblem lösen könnte. Hier wird vielmehr eine Nation angeklagt, die immer noch vor ihrer eigenen Brutalität und Menschenverachtung die Augen verschließt.

Im Jahr 2008, als sich die USA am Beginn einer neuen post-rassistischen Ära wähnten, wäre eine solche Analyse bestenfalls marginal gewesen. Doch jetzt, da – angesichts von Trayvon Martin, Eric Garner, Charleston und Ferguson – im Land niemand mehr die Augen verschließen kann vor der systematischen Gewalt gegen Afroamerikaner, kommt Ta-Nehisi Coates gerade recht. Er bietet vielleicht die einzig sinnvolle historische Interpretation dessen, was sich schon lange in Amerika abspielt und in den vergangenen anderthalb Jahren unübersehbar geworden ist. Coates behauptet, dass die US-Gesellschaft nie aufgehört habe, ein Regime der Apartheid zu sein.

Der amerikanische Traum, so schreibt er, sei „auf der Plünderung von Leben, Freiheit und Arbeitskraft aufgebaut; auf Peitsche und Kette, der Erdrosselung von Dissidenten, der Zerstörung von Familien, der Vergewaltigung von Müttern, dem Verkauf von Kindern sowie zahlloser anderer Akte, die dir und mir das Recht rauben, über unseren eigenen Körper zu bestimmen.“ An der Enteignung schwarzer Körper hat sich Coates zufolge auch nach dem Ende der Sklaverei nichts geändert. Ob es nun Lynchjustiz war oder Polizeigewalt ist – die soziale Ordnung in den USA basierte stets darauf, jederzeit ungestraft schwarze Leben nehmen zu können.

Diese Grunddynamik des amerikanischen Lebens lässt sich laut Coates nicht entwirren. Das Privileg der Vergewaltigung schwarzer Körper, schreibt er, sei konstitutiv für das Selbstverständnis derer, „die glauben, sie seien weiß.“ Der Rassismus in den USA betreffe alle; bislang sei an ihm trotz Bürgerrechtsbewegung und der Wahl von Obama zum Präsidenten kaum gekratzt worden. Der tief sitzende Glaube, dass die weiße Hautfarbe Überlegenheit anzeige, sei eng an die Vorstellung geknüpft, Afroamerikaner willkürlich einsperren, verprügeln und ermorden zu dürfen.

Orte, kaum mehr als Open-Air-Gefängnisse für Schwarze

Was dieser finsteren Einschätzung so großes moralisches Gewicht verleiht, ist die intellektuelle Wucht von Ta-Nehisi Coates. Breite Aufmerksamkeit erregte er 2014 mit einem langen, gründlich recherchierten Artikel über den institutionellen Rassismus in den USA, der zur dauerhaften Ghettobildung in den Städten und somit zur permanenten Erhaltung einer schwarzen Unterschicht geführt hat. Mit unumstößlicher Evidenz führte Coates hier vor Augen, warum es überhaupt Orte wie Ferguson gibt, die kaum mehr sind als Open-Air-Gefängnisse für jenen Teil der Bevölkerung, für den das Land keine Verwendung hat.

Der jetzige Essay ist das Gegenstück zu dieser systematischen soziologischen Untersuchung. In der Tradition von James Baldwin und Ralph Ellison ist „Between the World and Me“ eine zutiefst persönliche Beschreibung dessen, was es bedeutet, als Schwarzer in Amerika zu leben. „Ich sage Dir“, schreibt Coates an seinen Sohn, „dass die Frage, wie man in diesem Land in einem schwarzen Körper leben und dabei frei sein soll, die Frage meines Lebens ist.“ Eine Antwort darauf hat er nicht zu bieten – bis auf die selbst auferlegte Verpflichtung, diese Frage immer weiter zu stellen, sich und der ganzen Nation.

Ta-Nehisi Coates hat diese Frage auch Obama gestellt, den er stets dafür kritisiert hat, nicht schwarz genug zu sein, aber zu naiv. Obama hat Coates dennoch ins Weiße Haus eingeladen: „Bitte verzweifle nicht“, hat er ihm gesagt. Coates dachte darüber nach. Sein Schluss war nicht der, den sich Obama gewünscht hätte. „Ich fand in der Verzweiflung eine gewisse Befreiung“, schreibt Coates.