Das ist kein Film über James Baldwin. Es ist weder Koketterie noch eine bloße Hommage an diesen großen Schriftsteller und Essayisten, dass er als Drehbuchautor aufgeführt wird, auch wenn er doch seit fast 30 Jahren tot ist.

Der aus Haiti stammende Regisseur Raoul Peck und der in Harlem aufgewachsene James Baldwin scheinen für diese aufwühlende Dokumentation tatsächlich zusammengearbeitet zu haben, so kongenial ergänzen sich Baldwins Text und Pecks Bilder, die Filmausschnitte, Fotos, Nachrichtenbilder – historisch und aktuell. Und immer wieder sieht man Baldwin selbst, wie er vor Studenten spricht, oder in Talkshows.

Keine schöne Geschichte

Im Hintergrundkommentar wird aus seinen Essays, Briefen und Notizen zitiert, vor allem aus „Remember this House“, ein 30 Seiten langes Manuskript für ein Buch, in dem er sich mit dem Leben dreier enger Freunde und großer Bürgerrechtler beschäftigen wollte: Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. Sie waren alle jünger als er und starben alle vor ihm, wurden bei Attentaten ermordet. Nicht einer wurde 40 Jahre alt.

„Die Geschichte der USA ist eine Geschichte des Negers in den USA. Es ist keine schöne Geschichte.“ – Wie ein innerer Monolog Baldwins wirkt der im Original von Samuel L. Jackson gesprochene Hintergrundtext. Er bringt eine meditative Ruhe in diesen Film, die Baldwin entspricht, auch wenn das, was er geschrieben hat, von seiner Trauer erzählt, seiner Enttäuschung, seiner Verzweiflung, seiner Wut.

Weißer Mob

Seine Worte wirken wie bestimmt für die Bilder, die Raoul Peck für diesen Film gefunden hat – die Bilder von dem weißen Mob, der 1957 in Little Rock versucht, schwarze Schüler vom Besuch einer Schule abzuhalten, die Bilder vom Sarg Malcolm X’, der 1965 ermordet wurde, die Bilder aus Ferguson, wo der schwarze Schüler Michael Brown von weißen Polizisten erschossen worden ist. Das war 2014. Während der Berlinale 2017, bei der Raoul Peck auch seinen Spielfilm „Der junge Karl Marx“ vorstellte, gewann „I Am Not Your Negro“ den Panorama Publikumspreis. Und wenn Peck, der an der DFFB studiert hat, bei einer Aufführung anwesend war, bekam er stehende Ovationen.

Die Anfangsszene zeigt James Baldwin in der Dick Cavett Fernseh-Show, es ist das Jahr 1968. Cavett bittet ihn, über die Lage der Schwarzen in den USA zu sprechen. Das heißt, er sagt nicht „Schwarze“, er sagt seiner Zeit gemäß „Neger“. Und Baldwin – unglaublich cool in seinem schwarzen Anzug, der schmalen schwarzen Krawatte und unschlagbar charismatisch – antwortet, es ginge gar nicht darum, was mit den Schwarzen geschehe. Die wirkliche Frage sei: Was geschieht mit diesem Land?

Fleisch vom Fleisch des Landes

„Denn der Neger“, das sagt er an anderer Stelle, „ist eines der Kinder dieses Hauses, Fleisch vom Fleisch dieses Landes. Den Neger gibt es nur, weil da jemand ist, der diese Neger braucht.“ Dann springt der Film in die Gegenwart, zeigt Peck Bilder des Protests gegen Polizeigewalt gegen Schwarze.

Diese Vermischung von Zeitebenen zeigt im Film immer wieder, wie gegenwärtig Baldwins Schriften sind. Er wusste ja nicht von Ferguson und „Black Lives Matter“. Auch nichts von einem Präsidenten Obama. „Die Wurzel des Hasses der Weißen ist Angst“, schrieb Baldwin und man hängt an seinen Lippen. Seine Analysen sind so brillant wie zeitlos. Manchmal spürt man auch seine Müdigkeit, seine Erschöpfung, nie Bitterkeit.

Bruder Ungeheuer

Hört der Kampf wirklich niemals auf? Doch immer bewahrt er Haltung, so als ob er Angst hätte zusammenzubrechen, wenn er sie auch nur einen Moment nachgäbe, und sich nie wieder aufrichten zu können. „Ihr könnt mich nicht lynchen und im Getto festhalten, ohne selbst eine Art Ungeheuer zu werden“, sagt er seinen weißen Brüdern. Baldwin nennt sich einen Zeugen. Man kann das nur als Ausdruck seiner Bescheidenheit verstehen.