Es gibt vier Möglichkeiten, das Nickel zu verlassen. Erstens, man sitzt seine Zeit in dieser elenden Besserungsanstalt ganz einfach ab. Zweitens, das ist eher unwahrscheinlich, greift das Gericht ein und spricht einen frei. Die dritte Variante, dass man stirbt, ist wiederum realistischer. Und die vierte Möglichkeit besteht in der gewagten Flucht.

Per Anhalter ins Verderben

Für den Jugendlichen Elwood kommt keines dieser Szenarien infrage. Eigentlich ist er auf dem Weg zum College, als er unwissentlich in ein gestohlenes Auto steigt. Das wird ihm zum Verhängnis: Bei einer Polizeikontrolle hält man ihn für einen Mittäter, ihn, der unschuldig ist und schwarz. Seine Zukunft wird ihm erbarmungslos entrissen und er muss ins Nickel. Dorthin, wo es kaum Bildung gibt, keine Würde und wo die Jungs regelmäßig gefoltert werden. Nach den vielen Demütigungen und schlaflosen Nächten gelangt Elwood zur Erkenntnis, dass es eine fünfte Möglichkeit gibt: das Nickel selbst loswerden.

In seinem neuen Roman „Die Nickel Boys“ widmet sich der Pulitzer-Preis-Gewinner Colson Whitehead nach „Underground Railroad“ wiederum einem grausamen Kapitel der US-amerikanischen Geschichte. Er konzentriert seine überwiegend in den 60er-Jahren spielende Handlung auf die Nickel Academy. Die ist einer realen Besserungsanstalt in Florida nachempfunden, der Dozier School for Boys. Sie wurde 2011 geschlossen. Im Zuge von Umbaumaßnahmen wurden Gräber gefunden. Archäologiestudenten der Tampa University stellten fest, dass es sich bei den Toten um Folteropfer handeln  musste, die nicht im offiziellen Anstaltsfriedhof beigesetzt wurden. Auch im Nickel ist das ein unausgesprochenes Geheimnis: Bestimmte Jungs verschwinden plötzlich und kehren dann nie wieder zurück.

Eine wahre Geschichte

Die gängigste Methode der Folter ist ein Riemen namens „Black Beauty“, der im sogenannten White House zu finden ist. Mit dem Riemen werden die Jungs regelmäßig brutal ausgepeitscht. Damit ja keiner ihre Schreie hört, muss gleichzeitig ein großer Ventilator laufen. Im Nachwort verweist der Autor auf eine Website, auf der Überlebende der Dozier ihre Erfahrungen geschildert haben. Sie sind der reinste Horror: blutige Wände im White House, schmutzige Kissen, in die man während der Folter beißen konnte. Im Roman „Die Nickel Boys“ landet Elwood schon kurz nach seiner Ankunft in der Folterkammer, weil er versucht hatte, einen Streit zu schlichten. Das macht das Ganze noch perfider: Die vagen Gründe der Wächter rechtfertigen keinen Hieb.

Es finden sich sowohl weiße als auch schwarze Jungs in der Besserungsanstalt wieder. Wenig überraschend ist, dass die Letzteren schlechter behandelt werden und unverhältnismäßig stärker bestraft werden. Whitehead zeigt, wie sich der in der Gesellschaft verankerte Rassismus im Nickel automatisch widergespiegelt hat. Bereits in der Schule bekommen schwarze Schüler gebrauchte Lernmaterialien, in denen rassistische Kommentare von weißen hinterlassen wurden. Im Nickel bekommen sie abgenutzte Kleidung und schlechteres Essen.

Parallelen zu „Beale Street“ und „When They See Us“ 

Man muss bei der Lektüre von „Die Nickel Boys“ an die  James-Baldwin-Verfilmung „Beale Street“ von Barry Jenkins denken, in der ein Mann unschuldig im Gefängnis sitzt. Oder an Ava DuVernays „When They See Us“. In der Netflix-Serie geht es um den Fall der „Central Park Five“, jene fünf afroamerikanische Jugendliche, die 1989 für die Vergewaltigung einer Frau ins Gefängnis kamen und erst 13 Jahre später freigesprochen wurden. In der dritten Folge sieht man das herzzerbrechende Verstreichen der Zeit: Aus den fünf unschuldigen Jungs im Gefängnis werden fünf Männer. Wenn Whitehead also in seinem Buch schreibt, dass die „Jungs hätten alles Mögliche aus sich machen können, wenn sie im Nickel nicht ruiniert worden wären“, dann schreibt er auch über die „Central Park Five“, und über alle Schwarzen in den USA, die aufgrund eines strukturellen Rassismus gezielt benachteiligt werden.

Elwood kann sich also eine fünfte Möglichkeit ausdenken, um dem Horror entkommen, er kann einen Brief verfassen und nach draußen schmuggeln, um auf die Missstände im Nickel aufmerksam zu machen, doch all das wird ihm nicht allzu viel bringen, in einem System, das von vornherein gegen ihn ausgerichtet ist. In der Gegenwart haben Menschen wie er Schwierigkeiten „die Sitten normaler Menschen zu dechiffrieren“, weil ihnen ein normales Leben nie gewährt wurde, während ehemalige Wächter des Nickel im Ruhestand mit der Auszeichnung „Vorbildlicher Bürger des Jahres“ geehrt werden.

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Colson Whitehead: Die Nickel Boys. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Hanser, München 2019. 224 S., 23 Euro