Es sind seltsame Rituale, die amerikanische Politiker da aufführen, seitdem der Jugendliche Trayvon Martin mit einem Kaugummi bewaffnet von einem freiberuflichen Sicherheitswächter erschossen wurde, weil Martin in einer wohlhabenden weißen Gegend spazieren ging. Obama sagt, Martin hätte sein Sohn sein können, vermeidet aber wieder einmal sorgsam, das Thema Rassismus direkt anzusprechen. Einer seiner republikanischen Gegenspieler, Newt Gingrich, beschuldigt den Präsidenten dennoch, den Fall zu einer Rassenangelegenheit zu machen und somit die Nation zu spalten.

Schwarze Bürgerrechtler wie der einstige Präsidentschaftskandidat Jesse Jackson sind da weniger vorsichtig. Jackson nannte Trayvon Martin Ende der vergangenen Woche einen Messias: Der Jugendliche habe sein Leben gegeben, damit in den USA endlich offen darüber debattiert werden könne, wie rassistisch die amerikanische Gesellschaft noch immer ist, sobald der höfliche Deckmantel der Toleranz gelüftet wird.

Obamas Eiertanz

Ob es zu einer solchen Debatte tatsächlich kommt, ist jedoch zweifelhaft. Der Fall von Trayvon Martin erlaubt Rückschlüsse über den Diskurs über Rassismus im Zeitalter von Obama. Nach offiziellen Sprachregelungen ist die USA in eine „post-rassische“ Phase eingetreten. Wenn schwarze Intellektuelle diese Phrase von der „post-rassischen Gesellschaft“ hören, dann rollen sie jedoch meist mit den Augen.

Für sie ist diese Beschreibung nicht mehr als eine Orwell-hafte Beschönigung sozialer Realitäten in Amerika. Obamas Eiertanz ist dafür das beste Beispiel: Würde er offen in Rassenfragen Stellung beziehen, bekäme er – wie vor ihm Jesse Jackson – keine Mehrheiten. Für diejenigen, die sich nicht scheuen, die Dinge beim Namen zu nennen, war der Trayvon Martin-Vorfall indes keine Überraschung. Martins Schicksal ist in den USA alles andere als ein Einzelfall. Vor genau 21 Jahren erlebten die USA ihre schwersten Rassenunruhen seit den 1960er- Jahren, nachdem die Polizei von Los Angeles den Afro-Amerikaner Rodney King vor laufenden Kameras krankenhausreif prügelte. Sein Verbrechen – eine Geschwindigkeitsüberschreitung.

1999 kam es in New York beinahe zu ähnlichen Ausschreitungen, als der haitianische Immigrant Amadou Diallo mit 41 Schüssen von vier Polizeibeamten niedergestreckt wurde. Er hatte während einer Routinekontrolle in seine Jacke gegriffen, um seinen Ausweis hervorzuholen. Beinahe dasselbe ereignete sich 2006 in New York, als Sean Bell von seiner Junggesellenfeier in einem Nachtclub in Queens aus zu seinem Auto lief. Und erst zu Beginn dieses Jahres wurde ein unbewaffneter 18-Jähriger in der Bronx im Bad seiner eigenen Wohnung von einem Polizisten erschossen.

Für Sozialforscher und Bürgerrechtler sind dies keine Fälle von vereinzeltem Rassismus. Einer von Obamas Juraprofessoren in Harvard, Derrick Bell, war der Mitbegründer einer Denkschule, die aufzeigte, wie das amerikanische Strafverfolgungs- und Strafvollzugssystem bis heute systematisch darauf angelegt ist, die afroamerikanische Bevölkerung zu unterdrücken.

Systematische Schikane schwarzer Jugendlicher

Gemäß Vertretern dieser Schule der „critical race theory“ ist der heutige „gefängnis-industrielle Komplex“ die direkte institutionelle Fortsetzung des „Jim Crow“-Apartheid-Regimes, das bis in die 1960er-Jahre im Süden herrschte und das seinerseits die Sklaverei beerbte. Schon Monate bevor Trayvon Martin erschossen wurde, sorgte die jüngste Vertreterin dieser Theorie, die Bürgerrechtsanwältin Michelle Alexander, mit ihrem Buch „The New Jim Crow“ in den USA für hitzige Diskussionen. Alexander geht so weit zu behaupten, das Strafvollzugssystem der USA werde dazu missbraucht, ein permanentes rassisches Kastensystem aufrechtzuerhalten.

Um das zu belegen, bietet Alexander überzeugendes Zahlenmaterial auf. Eine absurde Menge an Energie und Mitteln – zumeist aus dem überblähten Budget für den sogenannten nationalen „Krieg gegen Drogen“ – fließen laut Alexander in die Bekämpfung von Bagatelleverbrechen schwarzer männlicher Jugendlicher. Jugendliche in schwarzen und Latino-Wohngebieten werden systematisch mit Durchsuchungen und Festnahmen ohne Verdachtsmomente schikaniert. Die Chance, dass sie dann etwa wegen des Besitzes kleiner Mengen an Marihuana ins Gefängnis wandern, ist um ein Vielfaches höher, als unter Weißen aus besseren Gegenden, die jedoch nachweislich genau so viel mit Drogen hantieren.

Für die jungen Schwarzen hat das dramatische Folgen. Sie sind mit einer Vorstrafe praktisch lebenslang von der Teilnahme an der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen. Der Weg zu Bildung und Beschäftigung ist ihnen verstellt, nicht einmal ein Recht auf subventioniertes Wohnen oder Sozialhilfe haben sie noch. Zudem werden ihnen enorme Summen an Anwalts-und Gerichtskosten aufgebürdet. Der Weg in die Kriminalität und zurück ins Gefängnis ist vorgezeichnet.

Das Ergebnis ist für die schwarze Bevölkerung Amerikas verheerend: 800.000 Afro-Amerikaner sitzen derzeit in Gefängnissen – mehr als vor dem Bürgerkrieg versklavt waren. 60 Prozent der erwachsenen schwarzen Männer haben eine Vorstrafe. Die Chance als Afro-Amerikaner im Gefängnis zu landen, liegt bei mehr als 30 Prozent.

Keine Verschwörung

Alexander sieht dahinter keine gezielte Verschwörung einer rassistischen Loge. Für sie ist der Mechanismus subtiler: Es sind übermächtige unterschwellige rassistische Einstellungen, die sich hier institutionell manifestieren und die trotz formeller Gleichstellung und politischer Korrektheit nicht zu verbannen sind. Es ist die Annahme, dass Afro-Amerikaner prinzipiell kriminell sind, asozial und nicht zu vollwertigen produktiven Mitgliedern der US-Gesellschaft taugen.

Diese Annahme war es wohl auch, die den Feierabend-Sheriff George Zimmerman dazu bewegte, seinen Revolver zu zücken, als er einen schwarzen Jugendlichen in einem Kapuzenpullover sah. Und selbst wenn sich Martin, wie Zimmerman nun behauptet, gewehrt haben sollte, bleibt die Erschießung eine hysterische Reaktion. Amerika hat auch vier Jahre nach der Wahl seines ersten schwarzen Präsidenten seinen tiefsitzenden Rassismus nicht überwunden.

Und das Land hat nicht einmal eine Sprache dafür gefunden, offen darüber zu reden.