Bonn - Im Winter 1939 kam es in Leipzig zu einem bizarren Wettlauf um die Kunstsammlung des jüdischen Musikverlegers Henri Hinrichsen. Dieser hatte bereits seinen Verlag im Zuge der „Arisierung“ zum Spottpreis abgeben müssen, nun war sein Kunstbesitz an der Reihe. Als einer der ersten auswärtigen Kunsthändler reiste Hildebrand Gurlitt aus Hamburg an und kaufte Hinrichsen mehrere Zeichnungen und Drucke ab.

Henri Hinrichsen blieb keine andere Wahl, denn er brauchte Geld, um die ihm für die Ausreise aus Deutschland auferlegte „Reichsfluchtsteuer“ zu bezahlen. 1940 durfte er mit seiner Ehefrau nach Belgien übersiedeln, wo er vergeblich auf ein Visum in die USA hoffte.

Hinrichsens Ehefrau starb in dieser Zeit, weil sie als Jüdin kein Insulin zur Behandlung ihrer Zuckerkrankheit erhielt. 1942 wurde Hinrichsen in Belgien verhaftetet, nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Erst 2012 tauchte ein Werk aus diesem schäbigen Handel wieder auf – in der Münchener Wohnung von Hildebrand Gurlitts Sohn Cornelius.

Es ist eine kleine Zeichnung von Carl Spitzweg. „Das Klavierspiel“ heißt sie und zeigt eine junge Dame am Piano, die von einem Flötenspieler begleitet wird. An sich ist diese biedermeierliche Szene nichts Besonderes. Sie wirkt rasch hingeworfen, eine flüchtige Skizze für ein Gemälde.

Und doch ist sie eine der wenigen Arbeiten des „Schwabinger Kunstfunds“, von denen feststeht, dass sie ihrem Besitzer im NS-Staat – wie es im juristischen Jargon heißt – „verfolgungsbedingt entzogen“ wurden.

Neue Erkenntnisse vor den Originalen?

Lediglich sechs von 1 566 Werken aus der Sammlung Cornelius Gurlitts konnte bisher als NS-Raubkunst ermittelt werden – und lediglich vier davon erhielten die Erben der einstigen Besitzer bislang zurück. Damit sich dies ändert, stehen jetzt rund 250 Gurlitt-Werke im Schaufenster der Bonner Bundeskunsthalle: Ein Jesuskind aus der Werkstatt von Lucas Cranach ist darunter, ein Kupferstich von Albrecht Dürer, Landschaften von Camille Corot und Paul Cézanne, Skizzen von Adolph Menzel und Max Liebermann, altmeisterliche Stillleben und sogar Gemälde von Heinrich Louis Theodor Gurlitt, dem Urgroßvater von Cornelius.

Bei einigen Exponaten dieser Ausstellung mit dem Titel „Bestandsaufnahme Gurlitt“ gibt es Indizien dafür, dass es sich um NS-Raubkunst handeln könnte. Die Mehrzahl der Werke hängt jedoch hier, weil sich nicht klären ließ, wie sie in den Besitz der Familie Gurlitt kamen.

Ob die Ausstellung daran etwas ändern wird, darf man bezweifeln. Schließlich stehen Abbildungen der verdächtigen Werke mitsamt Hinweisen zur Herkunftsgeschichte teilweise seit Jahren zur Begutachtung im Internet, und auch Hildebrand Gurlitts Geschäftsunterlagen sind längst publiziert. Warum sollten sich vor den Originalen neue Erkenntnisse einstellen?

Stattdessen hat die „Bestandsaufnahme Gurlitt“ wohl vor allem symbolischen Wert: Mit ihr will der deutsche Staat beweisen, dass er verstanden und die jahrzehntelange Praxis des Wegsehens und Verschweigens in Sachen NS-Raubkunst ein Ende hat.

An der Sammlung Gurlitt wird ein Exempel statuiert, allerdings mit dem Beigeschmack einer Entrümpelung: Jedes Werk, das zurückgegeben werden kann, bezeugt den guten Willen und rechtfertigt die auch juristisch fragwürdigen Umstände des Falls – etwa die vermutlich illegale Durchsuchung der Wohnung von Cornelius Gurlitt.

Es gehört zu den besonders dornigen Pointen des „Schwabinger Kunstfunds“, dass es wohl eines staatlichen Rechtsbruchs bedurfte, um die historische Aufarbeitung des Kunstraubs in der Zeit des Nationalsozialismus entscheidend voranzubringen.

Einerseits ist endlich Bewegung in die Suche nach NS-Raubkunst in deutschen Museen gekommen, seit der Fall Gurlitt um die Welt ging. Andererseits wäre vermutlich überhaupt nichts passiert, hätte sich Cornelius Gurlitt nach der Beschlagnahme seiner Sammlung einen Anwalt genommen, statt blind auf den deutschen Rechtsstaat zu vertrauen.

Aber darum geht es in der „Bestandsaufnahme Gurlitt“ so wenig wie um die kunsthistorische Qualität der Sammlung, die 2013 vom Magazin Focus als Milliardenschatz verkauft wurde und heute auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt wird.

Stattdessen steht die Geschichte des NS-Kunstraubs im Fokus und mit ihr die Schicksale jüdischer Sammler in Deutschland. Wobei der Kunstfund in dieser Hinsicht anscheinend nicht viel hergibt: Die Kuratoren stellen in kurzen Fallbeispielen Fritz Salo Glaser, Ismar Littmann, Albert Martin Wolffson oder Hans Lenthal vor, weil sich von ihnen ein Werk im „Schwabinger Kunstfund“ wiederfand oder es Hinweise dafür gibt, dass sie mit Hildebrand Gurlitt handeln musste.

Schwebende Verfahren

Auch das Drama der Familie Hinrichsen war nach dem Krieg nicht zu Ende. 1949 wurde sie ein zweites Mal enteignet, als die SED den Musikverlag C.F. Peters zum Staatseigentum erklärte. Bereits 1946 hatte Walter Hinrichsen, einer der wenigen Überlebenden der Familie, sechs Gemälde aus der Sammlung seines Vaters zurückerhalten und der Stadt Leipzig im Gegenzug drei Gemälde geschenkt. Gegen diese möglicherweise erpresste Gabe gingen die Erben von Walter Hinrichsen nach der Wiedervereinigung erfolgreich an und erhielten die Gemälde 2002 von der Stadt Leipzig zurück.

Nach Spitzwegs „Klavierspiel“ hatte Walter Hinrichsen damals ebenfalls gesucht und wurde von Hildebrand Gurlitt mit einer dreisten Lüge abgespeist; später behauptete auch Gurlitts Witwe gegenüber den deutschen Behörden, nicht mehr im Besitz des Werks zu sein.

Im Oktober 2014 schien sich dann eine rasche Lösung anzukündigen: Die Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ empfahl, die Zeichnung an die Erben von Henri Hinrichsen zurückzugeben. Doch weil noch Unterlagen fehlen, um den juristisch berechtigten Erben zu bestimmen, befindet sie sich bis heute im treuhänderischen Besitz der Bundesrepublik Deutschland – und darf wegen des schwebenden Rückgabeverfahrens nicht gezeigt werden.

Offenbar wurden davon auch die Kuratoren überrascht, denn die Stelle, an der das „Klavierspiel“ hängen sollte, bleibt leer.