Wer werfe den ersten Stein? Es gibt wohl kein Museum, keine Sammlung in Deutschland, die, falls es sich um Kunst aus der Zeit vor oder während der Nazi-Diktatur handelt, für sich Lupenreinheit beanspruchen kann.

Das Reizthema Nazi-Raubkunst wirft dunkle Schatten, seit der Münchener Bilderfund im Falle Gurlitt tausend Fragen nach Recht und Unrecht stellt, die Internet-Plattform Lostart geschaltet ist, nach der Herkunft von Werken recherchiert wird wie nie zuvor in der Kunst-und Rechts-Geschichte der Republik.

Jetzt also ist selbst der Deutsche Bundestag mit seiner opulenten Sammlung in den Fokus geraten. Das fatale, weil nicht aufgearbeitete Thema und die unangenehme Debatte darum haben somit die allerhöchste Instanz der Demokratie erreicht. Denn auch das Parlament sammelt Kunst, sei es besteht. Auf rund 4000 Werke – der Vor-und Nachkriegszeit und der Gegenwart – ist die Kollektion angewachsen.

Zwei Gemälde sollen, das meldet die Bild-Zeitung nun mit Berufung auf einen Sprecher des Bundestagspräsidenten, „Nazi-Raubkunst“ sein: das Motiv „Kanzler Bülow spricht im Reichstag“, 1905 von Georg Waltenberger gemalt, und Lovis Corinths Kreidelithografie „Straße in Königsberg““ von 1918. Die Grafik würde, so behauptet das Blatt allerdings ohne belegbaren Hintergrund, aus der bislang in München noch immer beschlagnahmten Sammlung des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt und dessen Sohn stammen. Im Dunklen bleibt, wem die beiden Werke einst gehörten. Was Bild aber ganz genau zu wissen vorgibt, ist, dass 108 Gemälde im Verdacht stünden, „arisiert“ worden zu sein, was wiederum den Zentralrat der Juden veranlasst, dem Bundestag „Aufklärungsbehinderung“ zu unterstellen.

Am Montag hingegen erwiderte die Presseabteilung des Bundestages, besagter Bild-Artikel enthalte viele Falschbehauptungen. Es habe gar keine Bestätigung für „Beutekunst“ in der Sammlung gegeben, lediglich sei von „laufenden Recherchen bis März/April 2014 die Rede gewesen und von „zwei Verdachtsfällen“, wobei es keinen Bezug zur Sammlung Gurlitt gäbe. Der Zusammenhang sei willkürlich hergestellt, auch die Zahl der angeblich 108 weiteren verdächtigen Bilder.

Bild kontra Parlament? Dessen Sprecher betont, dass es der Bundestag war, der schon 2009 ein Lenbach-Gemälde an die ausfindig gemachten jüdischen Erben zurückgab, der unlängst die Such-Plattform Lostart initiierte und seit 2012 die eigene Sammlung unter die Lupe nähme. Anwurf und Verteidigung, Rechthaben oder Rechtbekommen? Das Thema ist und bleibt neuralgisch und brisant. Es verlangt die Wahrheit. Sich ihr zu nähern, ist meist eine endlose Geschichte.