Die Wahrnehmung von Zeit kann sehr unterschiedlich sein. Das zeigt gerade die Wiederholung der Debatte über den Umgang mit NS-Raubkunst. Auf der einen Seite sind die Erben von Gemälden, Skulpturen oder Zeichnungen, die während des Nationalsozialismus unrechtmäßig beschlagnahmt wurden oder unter existenziellem Zwang veräußert werden mussten. Die einstigen Besitzer, sollten sie den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, sind längst gestorben, die Erben oft hochbetagt. Sie wünschen sich einstigen Familienbesitz zurück.

Auf der anderen Seite steht der deutsche Staat, der auch fast siebzig Jahre nach Ende des Krieges keinen Anlass zu Eile sieht, eine gesetzliche Regelung zu schaffen, die eine Rückgabe nicht nur beschleunigt, sondern in manchen Fällen auch erst ermöglichen könnte. Das Land Bayern hat nun einen Vorstoß unternommen und – noch ganz unter dem Eindruck des Schwabinger Kunstfundes bei dem Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt – eine Gesetzesinitiative präsentiert, die die Münchener Landesregierung im Bundesrat einreichen will.

Grütters begrüßt Initative

Demnach sollen sich Besitzer von NS-Raubkunst künftig nicht mehr auf die Verjährung berufen können – allerdings nur, wenn sie wissen, dass es sich bei dem jeweiligen Werk um Raubkunst handelt. Juristen sprechen in einem solchen Fall von „Bösgläubigkeit“, die nachgewiesen werden muss. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters begrüßte die bayerische Initiative und erklärte die vorbehaltlose Unterstützung der Bundesregierung. Nun müsse man den Vorschlag prüfen. Da ist sie wieder, die Zeit.

Erben und deren Vertreter sehen den Vorschlag skeptischer. „Das ist sehr deutsch“, kommentiert der Historiker Julius Schoeps den Vorstoß. „Gutgläubiger Erwerb und Verjährung, das gibt es in anderen Ländern nicht. Gestohlen bleibt gestohlen.“ Und wie wolle man jemandem wie Cornelius Gurlitt, der seinen Kunstschatz selbst vom Vater, einem Kunsthändler, geerbt hat, Bösgläubigkeit beim Erwerb unterstellen? Schoeps ist selbst ein Betroffener. Er vertritt die Erbengemeinschaft seines Großonkels, des Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy. Seit Jahren versucht er, ein Picasso-Bild, das in der Pinakothek in München hängt und einst dem Großonkel gehörte, zurückzuerhalten. Erfolglos.

Österreich ist anderen Weg gegangen

Das könnte anders sein, gäbe es ein Restitutionsgesetz. Da ist sich Schoeps sicher. Bislang hat Deutschland lediglich die Washingtoner Erklärung unterzeichnet und sich damit verpflichtet, Raubkunst, die in deutschen Museen hängt, zu identifizieren und dann mit den Erben eine Lösung zu finden. Diese Erklärung ist rechtlich nicht bindend, sie baut auf den guten Willen.

Österreich ist, wenn auch erst unter starkem öffentlichem Druck, einen anderen Weg gegangen und hat sich 1998 ein solches Restitutionsgesetz gegeben und es vier Jahre später noch einmal verschärft. Verjährung kennt das Gesetz nicht. Und ist ein Werk als Raubkunst identifiziert, aber kein Anspruchsteller mehr am Leben, dann soll es verkauft und der Erlös Opfern des Nationalsozialismus zugutekommen. Das wäre zumindest eine symbolische Entschädigung.