Hand aufs Herz: Wer wollte als Kind schon Servierkraft im Fast-Food-Restaurant werden oder Qualitätsmanager oder stellvertretender Leiter für Netzdaten-Service? Das sollte uns zu denken geben, findet Robert Wringham. Achtzig Prozent aller Arbeitnehmer sind unzufrieden in ihren Jobs, behauptet er. Zusätzlich verbringen sie durchschnittlich 5000 Stunden in Bussen, Zügen und Staus. Wringham empfiehlt die Abkehr vom geregelten Erwerbsleben und hat zu diesem Zweck eine Ausstiegsanleitung („Ich bin raus“) geschrieben. Ein Gespräch über Büroflucht und Lebenskunst.

Es gibt ein schönes Bild von Ihnen, lesend auf einer Couch liegend. Darunter steht: Robert Wringham bei der Arbeit. Sind Sie der Meinung, dass alle Büros Sofas oder Hängematten haben sollten?

Ich sehe das zwiespältig. Viele Großkonzerne ändern ja gerade ihre Sichtweise: In der Zentrale von Google soll es tatsächlich Hängematten, Liegestühle und Gratis-Verpflegung geben. Die Firmen denken, wenn sie eine entspannte Atmosphäre schaffen und kein Bedürfnis offen bleibt, können sich die Angestellten besser auf die Arbeit konzentrieren. Das ist einerseits natürlich schön – andererseits Teil dessen, was ich die Arbeits-Falle nenne. Für mich hat Arbeit immer nur die zweithöchste Priorität. Ich bin Selbstständiger. Das Wichtigste für mich sind Behaglichkeit und Lebensfreude. Das Sofa-Foto von mir ist also ein Symbol für die epikureischen Prinzipien.

Sie glauben nicht so recht an das Büroleben mit Achtstundentag. Jedenfalls nicht, so lange man etwas Besseres mit seiner Zeit anfangen kann, zum Beispiel Wolken zählen. Warum?

Das Problem liegt schon in der Bezeichnung: Achtstundentag. Zunächst klingt das nicht nach großem Opfer. Aber wir vergessen die ungezählten zusätzlichen Stunden: die Vorbereitung auf die Arbeit, das Erholen nach der Arbeit, die Fahrten zur Arbeit. Pendeln ist vergeudetes Leben! Die elendigsten Stunden meines Lebens habe ich bei Regen im Bus verbracht, wenn ich mich enorm anstrengen musste, irgendwo hinzukommen, wo ich gar nicht hin wollte. Natürlich verschafft einem die Arbeit ein paar nette Vorteile: finanzielle Sicherheit, Respekt oder Ansehen, wenn man sich über den Beruf definiert und bei einer Party sagen kann: Ich bin Anwalt oder Bibliothekar. Aber es wird leicht vergessen, was das kostet: 87.000 Stunden Arbeit, bis man in Rente geht oder stirbt. Und es ist reiner Optimismus zu vermuten, dass man in Rente geht, bevor man stirbt.

Kann man dem wirklich entkommen? Oder ist das nur die alte Utopie?

Ich sage ja nicht, dass niemand mehr arbeiten soll. Sondern: Prioritäten setzten und zuerst das erledigen, was uns beglückt! Der Ökonom John Maynard Keynes hat in den 30er-Jahren eine zukünftige Gesellschaft beschrieben, in der es möglich sein werde, nur 15 Stunden pro Woche zu arbeiten. Heute lachen die Wirtschaftsfachleute darüber – aber das Einzige, das Keynes damals nicht berechnete, war unsere Unersättlichkeit. Die Menschheit ist heute besessen vom Konsum. Wir arbeiten, um das ganze Geld sofort wieder auszugeben. Deshalb sage ich: Wenn man sparsamer lebt, auf bestimmte Dinge verzichtet, seinen Konsum und seine Lebenshaltungskosten drosselt, kommt man vielleicht tatsächlich auf Keynes’ 15 Stunden.

Und was gewinnt man?

Man gewinnt Freiheit! Ich glaube, kein Mensch auf dem Planeten würde sagen: Nö, ich will gar keine Freiheit.

Die meisten Leute stimmen Ihnen theoretisch sicher zu. Es sagt ja keiner auf dem Sterbebett: Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit im Büro verbracht. Eher: Wäre ich mal um die Welt gereist!

Richtig. Leider wird man schief angesehen, wenn man erklärt, dass man lieber Zeit mit Freunden verbringt, die einem wichtig sind, als im Büro zu versauern; oder dass man lieber die Wolken betrachtet. Das gilt immer nur als Trostpreis, denn wichtig und vorrangig ist die Fron: Wir müssen zur Arbeit, wir müssen Status haben, wir müssen ein möglichst dickes Auto fahren. Aber tief im Inneren kennt jeder die Wahrheit. Alle Philosophen der Geschichte kommen bei der Frage, wie man leben soll, zu einer ähnlichen Lösung. Und die heißt nicht: Sei immer pünktlich im Büro!

Aber jetzt zur schwierigen Aufgabe: Wie entkommt man der Arbeits- und Konsum-Falle, wenn man nicht gerade ein Vermögen geerbt hat? Vom bedingungslosen Grundeinkommen sind unsere Gesellschaften ja noch weit entfernt.

Eine Erbschaft ist nicht immer eine Lösung. Manche Leute gewinnen im Lotto und führen trotzdem kein erfülltes Leben. Als Erstes braucht man einen Fluchtplan. Ich schlage vor, eine Lebensbilanz aufzumachen und sich im Geheimen darüber klar zu werden, was man wirklich im Leben will. Als Zweites sollte man überlegen, wie man spart. Wer zwei Monate lang ein Ausgabenbuch führt, wird überrascht sein, wohin das gute Geld geht – wie viel man zum Beispiel fürs Kabelfernsehen zahlt. Dann sollte man versuchen, seine Fixkosten zu reduzieren, so, als ob man ein kleines Unternehmen wäre, vielleicht zunächst auf 75 Prozent. Die Ersparnis geht in den Flucht-Fonds. Man braucht keine halbe Million, sondern nur genug für ein paar Monate, in denen man irgendwo hinfährt und nachdenkt, was man will und wie man das anstellt. Wenn man nicht ständig zur Arbeit genötigt wird, fliegen einem die Einfälle zu!

Was haben Sie aufgegeben?

Ich habe kein Handy, keinen Fernseher, kein Auto. Beim Handy denke ich allerdings manchmal: Hätte ich jetzt eins, würde es mein Problem lösen. Das fehlende Auto habe ich nie bereut. Meine Freunde erzählen alle langweilige Geschichten über Parkplatzsuche oder Strafzahlungen. Wozu das alles? Wenn man anfängt, auf Dinge zu verzichten, sind die Alternativen oft ganz nett. Ich gehe fast überall zu Fuß hin, wenn der Weg weniger als eine Stunde dauert. Weil ich nicht arbeite, kann ich das ja auch. Und ich brauche keinen Fitnessclub.

Dass Sie komplett untätig sind, ist nicht ganz richtig. Sie haben ein Buch geschrieben. Das ist Arbeit!

Stimmt. Es gibt unterschiedliche Wege aus der Arbeit. Ich arbeite immer noch, aber ich verbringe sehr viel weniger Zeit damit. Auch Musiker und Comedians arbeiten. Es heißt immer, derlei künstlerische Arbeit sei riskant, aber erstens gibt es dafür heutzutage sehr gute Karrierestufenpläne. Und außerdem finde ich, es ist riskanter, eine Arbeit zu machen, an der man keinen Spaß hat. Dann hat man nämlich von Beginn an versagt.

Würden Sie jemals wieder einen Bürojob annehmen?

Ja. Das mag überraschend klingen, aber wenn man seine Flucht plant, sollte man immer daran denken, dass man eventuell zurückkommen muss. Manchmal geht der Plan nicht auf. Darauf muss man vorbereitet sein.

Und was hat man dann davon gehabt?

Wenn man scheitert? Dann hat man es zumindest versucht. Man kann in den Bürojob zurückkehren oder es noch mal mit der Flucht versuchen – ein paar Lektionen hat man ja gelernt. Und außerdem wird man für den Versuch respektiert: Denn man kann definitiv die besseren Geschichten in der Teeküche erzählen.