Der letzte Fall endete mit einem großen Fragezeichen. Was hatte Kommissar Robert Karow mit dem Tod seines früheren Partners zu tun? Dieser hatte sich in einen Drogenring eingeschleust und wurde später tot aus der Spree gefischt. „Das Muli“ heißt die Auftaktfolge des neu besetzten „Tatorts“ aus Berlin mit Mark Waschke als Kommissar mit zweifelhafter Vergangenheit und Meret Becker als seine neue Kollegin. Und nicht nur der Zuschauer, auch diese Nina Rubin hatte ein durchaus verständliches Interesse an der Beseitigung des Fragezeichens.

Verdammt lang her

Das war Mitte März. Knapp acht Monate später kommt nun der zweite Berliner „Tatort“ mit Becker und Waschke. Acht Monate sind nicht nur im Fernsehen verdammt lang, in der Zwischenzeit sind Dutzende „Tatort“-Folgen gelaufen, und die wenigsten Zuschauer werden sich noch so genau erinnern, was damals geschah. Doch das ist nötig, denn der neue Fall mit dem Titel „Ätzend“ bezieht sich an mehreren und wesentlichen Stellen auf den Auftakt im März. Bei Abrissarbeiten finden Arbeiter auf einer Baustelle ein säuregefülltes Fass, in dem die weitgehend aufgelösten Reste eines Menschen schwimmen.

Die Spurensicherung rückt an und buddelt wenig später eine zweite, diesmal verweste Leiche mit Kopfschuss aus. „Das scheint ja hier so eine Art Friedhof zu werden“, kommentiert Hauptkommissarin Rubin die Ausgrabung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kopfschussleiche mit derselben Waffe niedergestreckt wurde wie einst Karows Kollege. Das macht die Rolle des Kommissars erst recht unklar.

Mit diesen Bedenken und Zweifeln, die die Autoren Stephan Wagner und Mark Monheim dem Drehbuch mitgegeben haben, hantiert der Regisseur Dvor Zahavi sehr geschickt. Er beginnt mit Rückblenden in Schwarz-Weiß, auch das Ende ist farbengesättigt. In den knapp neunzig Minuten dazwischen hingegen geht es überaus bunt zu, nicht nur wegen der knallfarbenen Aufnahmen, die an mit einem Farbfilter bearbeitete Handyfotos auf Instagram erinnern. Viele Themen werden lediglich angedeutet, von der beiläufigen Kapitalismuskritik eines Bauarbeiters bis zum Ressentiment gegenüber Ausländern, wie sie eine ältere Dame vorträgt.

Leichte Schwächen gegenüber dem Debüt

Doch gerade dieses Unvollständige macht den „Tatort“ interessanter, als wenn sich die Kommissare immerzu und gegenseitig des jeweiligen Ermittlungsstandes versichern müssen, damit auch der letzte Zuschauer ja mitkommt. Dem flüchtigen Erzähltempo folgt auch die Bildsprache mit einem Wechsel aus ruhigen Szenen und schnellen Schwenks sowie Schnitten. Und dennoch fällt der zweite Auftritt der Berliner Kommissare gegenüber dem Debüt ein bisschen ab, was weniger an den Schauspielern denn an der Geschichte liegt.

Dabei ist auch hier ordentlich was los. Die Leiche in dem Säurefass verfügte über einen Herzschrittmacher, was den Mann zwar auch nicht am Leben hielt, aber dank der Seriennummer auf den iranischen Besitzer eines kleinen Dentallabors in Neukölln verweist. Blöd nur, dass dieser Saed Merizadi nicht nur quicklebendig ist, sondern auch nie etwas am Herzen hatte. Das heißt, für Herrn Merizadi ist das natürlich alles andere als blöd.

Im Folgenden suchen die Kommissare nicht nur den oder die Verantwortlichen für Verätzung und Verwesung, sondern auch die Verbindung zu Karows totem Partner, vor allem aber fahnden sie nach der amtlichen Identität des Mannes mit dem Herzschrittmacher. Ganz schön viel auf einmal. Die Suche führt den Zuschauer in die Lebenswelt von Menschen, die so unschön als Illegale bezeichnet werden. Dabei geht es um die Angst vor Entdeckung und Abschiebung, um falsche Papiere und die Hoffnung auf ein richtiges Leben.

Geplänkel und Anspielungen

Dagegen sind die Probleme, die die beiden Kommissare miteinander und auch sonst so haben, bestenfalls Geplänkel. Sie sitzt am Steuer, er stöhnt auf dem Beifahrersitz, sie schaut ihn an. Ich hab’ nichts gesagt, sagt er. Habe ich gehört, sagt sie. Hören Sie, wie ich nichts sage?, wird er ihr bei nächster Gelegenheit doch noch eins mitgeben, doch auch sie kann es nicht lassen. Ich mag Ihre Anspielungen nicht, blafft Frau Rubin. Damit werden Sie wohl leben müssen, bescheidet Herr Karow an anderer Stelle und in einem anderen Zusammenhang.

Schon in der ersten Folge gab es, nun ja, Differenzen zwischen den beiden, in der zweiten Folge werden sie sich, und das beruht auf schöner Gegenseitigkeit, zunehmend unsympathisch. Aber so ist das nun mal. Seine Kollegen kann man sich nicht nur bei der Polizei nicht aussuchen.