Tom und Kyra (Dominic Raacke, Henriette Richter-Röhl) in der Küche. 
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Berlin-CharlottenburgWie viel symbolisches Potenzial passt in einen Topf Spaghetti Bolognese? In „Skylight“, mit dem der britische Edeldramatiker David Hare seit der Londoner Premiere 1995 Erfolge feiert, lautet die Antwort: jede Menge. Bis hin zum steinharten Parmesankäse, der von den ungleichen Klassenverhältnissen zwischen Liebenden erzählen will.

„Skylight“ ist ein kleiner Klassiker des jüngeren britischen Theaters und ein Spätausläufer des dort in den Fünfzigern und Sechzigern als „kitchen sink“ („Spülbecken“) bekannt gewordenen sozialen Realismus. Deshalb wird das Pasta-Gericht – wie immer, wenn dieses Stück gespielt wird – auch bei der Premiere in der Kudamm-Komödie tatsächlich live gekocht. Schwerer Zwiebel-Tomaten-Dunst wabert in der ersten Hälfte des Abends von der filmreif naturalistischen Bühne in die Reihen des Schillertheaters.

Kaum Eindruck macht das auf Tom (Dominic Raacke), einen vermögenden Gastronomen, der in einer eisigen Winternacht seine frühere Geliebte Kyra (Henriette Richter-Röhl) in ihrer heruntergekommenen Wohnung im Londoner Osten besucht. Ein Wiedersehen nach Jahren, eine Kollision von Welten und Anschauungen. Längst hat Kyra sich vom Luxusleben mit Tom verabschiedet und unterrichtet nun an einer Problemschule. Es geht um Schuld (Toms Frau verstarb an Krebs) und vertane Chancen, um soziale Ungerechtigkeit, die Liebe in Zeiten des Spät-Thatcherismus und die Ideale von New Labour, die Kyra mit rotwangiger Emphase verkörpert.

So wirkt „Skylight“ ein bisschen wie ein Historienstück aus den britischen Neunzigern, dem das Altern nicht überall gut bekommen ist. Was auch daran liegt, dass David Hare seine Texte von den Theatern nicht frisch zubereiten, sondern lieber behutsam aufwärmen lässt. Regisseur Tobias Wellemeyer zeigt sich entsprechend als Vertreter einer gutbürgerlichen Literaturtheaterküche, wenn er Hares Stück bis ins vielzitierte und hoffnungslos anachronistische „Branchenverzeichnis“ folgt, aus dem Tom das Mobiliar für sein Leben zusammenbestellt. Das fernsehgestählte Darstellerpaar hält Wellemeyer dabei an der ganz kurzen Leine – als gäbe es irgendwo eine Kamera, die stärksten Momente einzufangen.

Skylight ensuite

bis 29. Dez., Komödie im Schillertheater, Karten & Termine: komoedie-berlin.de

Aber der fugendichte Naturalismus dieses Kammerspiels lastet schwer, weil sich die Verhältnisse verschoben haben. Der gefallene Engel aus besseren Kreisen, der wie Kyra das Authentische der „einfachen Leute“ sucht, stünde heute unter Paternalismusverdacht. Etwas davon ahnte Hare schon 1995, wenn Tom Kyras Reinwaschungsstrategien sekundenkurz zu durchblicken scheint. Am Ende aber triumphiert die gute Tat: der ehrliche Teller Nudeln.