Alle paar Tage berichten Sender, Zeitungen und Portale, was die Rechercheure von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR nun schon wieder aufgedeckt haben. Illegale Waffenlieferungen, ADAC-Skandal, Spionagefälle deutscher und amerikanischer Geheimdienste – das sind nur einige Geschichten, die das Recherchetrio in den vergangenen Monaten produziert hat. Selbst bei Enthüllungen anderer Medien übernahm es dank gebündelter Kräfte die Oberhand, siehe Hoeneß, siehe Gurlitt. In der Zeitung füllt das Formulierungsungetüm eine ganze Zeile, im Fernsehlaufband nimmt es die Breite des Bildschirms ein: „Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung…“, beginnen die Meldungen immer. Der Kopf des Trios, der frühere Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo, ist omnipräsent: als Gast bei Jauch, als Interviewpartner im Radio, als Autor der Süddeutschen oder eines „Tagesthemen“-Beitrags. Auch bei „Anne Will“ wird er an diesem Mittwoch in der Runde sitzen.

So erfolgreich das Modell zu sein scheint, so unermüdlich ist die Kritik. Erst kürzlich wurde das wieder deutlich, bei der wohl kontroversesten Veranstaltung der Konferenz von Netzwerk Recherche in Hamburg. Auf dem Podium saßen NDR-Intendant Lutz Marmor und Hans Leyendecker, der bei der Süddeutschen das Ressort Investigative Recherche leitet, er selbst nennt es das „Orchideenressort“. Ihnen gegenüber saßen zwei ihrer größten Kritiker, Jörg Eigendorf, Chef des Investigativ-Teams der Zeitung Die Welt, und Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung Der Freitag.

Nicht frei von Neid

Was sie am Rechercheverbund aussetzen, spiegelt wider, was viele in der Branche denken. Nicht jeder Vorwurf ist dabei frei von Neid. Das mag mit Mascolos und Leyendeckers Prominenz zu tun haben. Mancher NDR-Kollege etwa fürchtet, die hohe Beachtung des Verbunds schmälere die Wertschätzung der eigenen Arbeit. Hinzu kommen inmitten von Sparrunden Gerüchte, was Mascolo verdient. Marmor, dessen Gehalt deutlich geringer ist, sagt, Mascolos auf drei Jahre befristete Vertrag als freier Mitarbeiter des NDR sei „der Leistung angemessen“ honoriert. Der WDR zahle etwas weniger, was die Süddeutsche zahle, wisse er nicht.

Handfester sind diese Vorwürfe: Der Rechercheverbund verzerre den Wettbewerb, mit dem Rundfunkbeitrag werde die Süddeutsche subventioniert, der Verbund sei eine Vermarktungsplattform für aufgebauschte Pseudo-Enthüllungen. Anstoß für Letzteres gab, dass Süddeutsche und „Tagesschau“ im Mai berichtet haben, es gebe keine Ermittlungen des Generalbundesanwalts wegen des von der NSA ausgespähten Kanzlerhandys. Im Juni berichtete die Süddeutsche, erneut exklusiv, nun gebe es doch welche.

Das hatte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bereits im Januar behauptet und dokumentierte das Hin und Her der Konkurrenz genüsslich. Leyendecker sagt: Die Berichte des Rechercheverbunds hätten „jeweils den aktuellen Sachstand wiedergegeben“. Jenseits solcher Details bleibt die Frage: Sind die Vorbehalte gegen den Verbund berechtigt?

Kaum war im Februar die Gründung der Rechercheallianz offiziell, bewarb sich Augstein mit seinem Blatt, als weiterer Partner aufgenommen zu werden. Vielleicht lag es daran, dass seine Mini-Redaktion zu Recherchen kaum fähig ist und sich die Wochenzeitung Der Freitag nicht ohne Grund „Meinungsmedium“ nennt. Der NDR-Chefredakteur antwortete jedenfalls: „Wenn die Redaktion Der Freitag mit konkreten Ansatzpunkten für eine große Recherche auf uns zukäme, wie sie NDR und SZ etwa im Fall von Offshore Leaks gelungen ist, würden wir das gern prüfen.“ Der Freitag konterte, der Verbund möge recherchieren, in welcher Höhe NDR und WDR Rundfunkbeiträge nutzten, um die Ausgaben für ein privatwirtschaftliches und gewinnorientiertes Unternehmen wie dem des Süddeutschen Verlags niedrig zu halten. Ebenso interessant wäre, wieso es der öffentlich-rechtliche Rundfunk trotz eines Budgets von mehr als sieben Milliarden Euro im Jahr nicht schaffe, eine eigenständige Investigativabteilung aufzubauen, die nicht auf die Amtshilfe der Süddeutschen angewiesen sei.

Augstein hält die institutionalisierte Kooperation zwischen Medien zweier Systeme für unzulässig. „Ich habe Angst vor der Infizierung der freien Presse durch die Öffentlich-Rechtlichen mit ihren Gremien“, sagt der Spiegel-Erbe.

Eigendorf wäre am liebsten, fände sich ein Kläger gegen den Verbund. Er beruft sich auf einen Medienrechtler, der im Magazin Focus die Ansicht vertrat, wegen des unzulässigen Wettbewerbsvorteils durch Quersubventionierung sei die Rechercheallianz ein Fall fürs Kartellamt.

Tatsächlich wirkt jedoch keiner, den die Berliner Zeitung fragte, sonderlich klagefreudig: Fehlt die Handhabe? Beim Verband der Zeitungsverleger heißt es, „dass jeder Verlag selbst entscheiden muss, ob und in welcher Weise er solche Kooperationen eingeht“. Die FAZ ziert sich und „möchte sich über Wettbewerber in einem anderen Medium nicht äußern“. Springer will „die Geschäftspolitik von Wettbewerbern grundsätzlich nicht kommentieren“ und dementiert, im Gegenzug Gespräche geführt zu haben, etwa mit dem ZDF, um einen eigenen Rechercheverbund zu bilden.

Und was sagt die Rechtsaufsicht von NDR und WDR? Weder die Staatskanzlei in NRW noch die für den NDR aktuell zuständige in Mecklenburg-Vorpommern kennen Beschwerden. Sie sehen auch keinen Anlass, aktiv zu werden. Aus Schwerin heißt es: „Es gibt bereits seit mehreren Jahren eine Kooperation zwischen dem NDR und der Süddeutschen Zeitung, ohne dass es Beanstandungen gegeben hat. Es ist für uns auch nicht erkennbar, dass hier eine Quersubventionierung mit Rundfunkbeiträgen erfolgt.“ Ebenso wenig alarmiert wirkt das Kartellamt. Ohne detaillierte Prüfung sei eine rechtliche Bewertung nicht möglich, bisher sei allerdings keine Beschwerde eingegangen. Am Telefon fügt der Sprecher hinzu, normalerweise beschwerten sich Medienunternehmen, was das Kartellamt alles verbiete. Kooperationen seien jedoch in vielfältiger Weise zulässig. Im Fall des Rechercheverbunds dränge sich der Verdacht der Unzulässigkeit nicht auf.

Zusammenarbeit als Chance

Einzig Tobias Schmid, Vorstandschef des VPRT, dem Verband der privaten Rundfunkveranstalter, sagt: „Bei allem Respekt vor guten Rechercheleistungen und den beteiligten Redaktionen handelt es sich natürlich vor allem auch um eine Marketingmaßnahme, bei der sich die immer gleichen drei Häuser jeweils gegenseitig namentlich nennen und das gerne im Rahmen reichweitenstarker Nachrichtensendungen. Es wäre vermutlich wesentlich schlauer, wenn die ARD dieses Zitierkartell wieder einstellen würde, bevor man eine journalistisch sicher wertige Aktion auf ihren beihilferechtlichen Effekt überprüfen müsste.“ Ist das die Drohgebärde eines Lobbyisten für Radiowellen, die kaum Platz für Information haben und Sendern wie Sat.1, dessen Nachrichtenmoderator Marc Bator gerade von seinem Bedeutungsverlust nach dem Wechsel von der „Tagesschau“ erzählt hat?

Marmor sagt, Recherche sei „Kern unseres Programmauftrags“. Der Verbund basiere auf dem Vertrauen miteinander bekannter Journalisten und stelle keinen Zwang dar, bei jeder Recherche ungeachtet von Kosten und Aufwand mitzumachen. Geld fließe zwischen den Partnern so wenig, wie es jenseits von Mascolos Verpflichtung Verträge gebe – obgleich die ARD sonst für Bürokratie bekannt sei. Marmor sieht in dem Verbund eine Chance, jenseits eingefahrener Strukturen zu liefern, was von der ARD mit Recht erwartet wird: guten Journalismus mit hoher Schlagzahl. Womöglich bedarf es dazu externer Fachkräfte. Aus Konsumentensicht seien die Recherchen des Verbunds zu begrüßen, das räumt selbst Augstein ein.