Nein, noch einen Film über staatlich verordneten, millionenfachen Tod hatte die polnische Regisseurin Agnieszka Holland nicht im Sinn. Sie erinnere sich, so sagt sie, noch sehr an jene depressiven Zustände, in die sie nach Drehschluss zum Holocaust-Drama „In Darkness“ (2011) gefallen sei. An dem Projekt „Mr. Jones“ (2019) interessierte sie deshalb weniger ein Panoramablick auf die von Stalins Politik verursachte Hungersnot in der Ukraine Anfang der 1930er-Jahre, den sogenannten Holodomor (Tötung durch Hunger), dem bis zu vierzehn Millionen Menschen zum Opfer fielen. Vielmehr wollte sie darüber reflektieren, wie damals in der Öffentlichkeit, durch den internationalen Journalismus, mit diesem Völkermord umgegangen wurde.

Als Hauptfigur wählte sie den britischen Journalisten Gareth Jones (1905–35), der während eines heimlichen Fußmarsches durch die Charkower Gegend das Ausmaß der Katastrophe am eigenen Leibe erlebt. Für diesen Mittelteil des Films fand die Regisseurin starke Bilder: entsättigte Aufnahmen, aus deren Graublau einzelne Details herausleuchten. So etwa eine Apfelsine, die sich der noch unbefangene Jones in einem überfüllten Provinzzug schält: einziger Farbfleck in einem Transport der Verdammten. Später trifft er auf verwaiste Kinder, die sich vom Fleisch ihres verstorbenen Bruders ernähren – auch dies eine Szene, die nicht einem platten Naturalismus huldigt, sondern eher metaphorisch angelegt ist.

Während Jones’ Odyssee vom März 1933 verbürgt ist, wurden andere Details seiner Biografie für den Film verändert, man könnte auch sagen: abgefälscht. Weil es der Regisseurin um eine Parabel zum Ethos des Journalistenberufs ging, verkürzte sie das Geschehen auf einen Zusammenprall zwischen dem von der Wahrheit besessenen jungen Autor und seinem amerikanischen Konkurrenten, dem Pulitzer-Preisträger Walter Duranty, der die ukrainische Hungerkatastrophe herunterspielt. Peter Sarsgaard zeigt ihn als verschlagenen Egomanen, der wissentlich Fake News produziert und sich auf Moskauer Opium-Partys tummelt. Der smarte James Norton als Gareth Jones erscheint dagegen als ungebrochener Held. Zur damit verbundenen Schwarz-Weiß-Dramaturgie gehört auch, dass Jones’ Bewunderung für die Politik Hitlers 1933/34 im Film gar nicht erst thematisiert wird.

Dass der sachliche Filmtitel „Mr. Jones“ für die deutsche DVD-Ausgabe zu „Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins“ mutierte, mag zwar verkaufsstrategischen Gesichtspunkten geschuldet sein, ist aber nicht sehr originell. Zudem hätte dem Bonusmaterial etwas mehr redaktionelle Aufmerksamkeit gutgetan. Dann wäre der Name des Dichters und Stalin-Kritikers Arthur Koestler in den Untertiteln zum Interview mit Agnieszka Holland auch nicht mit „Artur Kessler“ übersetzt worden.

Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins Polen/Ukraine/Großbritannien 2019, Regie: Agnieszka Holland, Koch Media ab 12,09 Euro