Stehen auf Abstand: Zuschauer sehen sich auf dem Reeperbahn Festival die Sängerin Novaa an.
Foto: Reeperbahn Festival  / Fynn Freund

HamburgDie Augenränder von Alexander Schulz sind nicht zu übersehen. Es ist der vierte Tag, an dem sein Reeperbahn Festival stattfindet. Und es ist zugleich der letzte Tag. Gespannt hat die Veranstaltungs- und Musikbranche auf die letzten Stunden geblickt. Selbst Politiker wie Monika Grütters und Olaf Scholz schickten Grüße nach Hamburg, wo Schulz nicht aufgeben wollte. Wo er trotz der Corona-Pandemie einen Versuch wagen musste: Konzerte unter strengen Abstands- und Hygieneregeln – draußen und, mit Blick auf den Herbst, drinnen. Schulz wollte wissen, ob das klappt, und wenn ja, wie. Denn nur rumsitzen und warten konnte der Unternehmer nicht. „Es gab keine Alternative“, sagt er.

Aus diesem Grund entwickelte Schulz mit seinem Team im Mai ein Konzept und stellte einen Förderantrag. Um ein Festival in diesen Zeiten mit 140 Konzerten an verschiedenen Orten, mit extra Regeln und nur 2000 Zuschauern pro Tag umsetzen zu können, dafür brauchte er einen Zuschuss. Und zwar einen höheren als bisher, in Zeiten also, in denen 50.000 Menschen das Festival besuchen und sich so die Ausgaben wieder einspielen lassen.

Das sahen auch Bund und Länder ein: Schulz bekam 1,3 Millionen Euro für den Kernbetrieb – damit sollte das Reeperbahn Festival als Testballon für die Branche stehen. Gelingt die Veranstaltung, könnte sie als Vorbild für alle künftigen Events dienen.

Zuschauer sehen sich im Operettenhaus das Konzert des Rappers Maeckes an.
Foto: Reeperbahn Festival / Fynn Freund

Noch ehe das Reeperbahn Festival vorbei ist, ist sich Schulz schon sicher: Das kann nur gelingen, wenn subventioniert wird. Wenn es aus der Politik Unterstützung gibt. Er hofft, dass das Reeperbahn Festival somit ein Appell ist. „Wir müssen durch unser Tun Politikern, die die Corona-Regeln verhängen, sagen: Ich glaube, wir können das ganz ordentlich.“ 

Tatsächlich ist das, was Schulz und sein Team mit dem Reeperbahn Festival in St. Pauli zeigen, beeindruckend – wenn man auch bei Berliner Veranstaltungen ähnliche Konzepte bereits gesehen hat. Hier müssen Besucher, die ein Konzert sehen wollen, eine Maske tragen, Hände desinfizieren und online einchecken. Die Daten, die sie beim Check-in hinterlassen, sollen zur Nachverfolgung dienen, wenn sich eine Person tatsächlich mit Covid-19 infiziert hat. Um die ganz korrekten Aufenthaltszeiten zu erhalten, müssen sich die Besucher nach einem Konzert auch wieder auschecken. Wer es vergisst, wird vom Sicherheitspersonal freundlich dran erinnert.

Die Band Die Sterne spielte ein Open Air-Konzert.
Foto: Reeperbahn Festival / Fynn Freund

Überhaupt ist das Sicherheitspersonal zahlreich vertreten. Es führt zu den Plätzen und passt auf, dass diese nicht getauscht werden, da der Platz sonst erst wieder desinfiziert werden muss. Vor allem achtet es aber darauf, dass ein Mund-und-Nasen-Schutz beim Umherlaufen getragen wird, dass keiner seinen Platz grundlos verlässt und auch nicht tanzt. Wobei Letzteres vor allem beim Auftritt der Hamburger Rockband Die Sterne auf der Open-Air -Bühne am Heiligengeistfeld schwer fällt. Wie gern würde man da doch tanzen und hüpfen. Einige Besucher versuchen es zumindest auf den Stühlen, als Frank Spilker seinen Song „Du musst gar nix“ anstimmt. Doch Spilker weist schnell darauf hin, dass er sie nicht dazu bewegen sollte.

Inez und Demian vom Dresdner Electro-Duo Ätna – die am letzten Tag des Reeperbahn Festivals den Anchor Award als aufstrebendes Musiktalent gewannen – erzählen, dass sie angehalten wurden, das Publikum nicht zum Mitsingen zu animieren, da sonst möglicherweise die Aerosol-Belastung in den Räumen steige. Bei Clubkonzerten wie dem der Berliner Electronica-Sängerin Dillon im Gruenspan  wurde die Lüftung hochgedreht und zusätzlich die Türen und Fenster offen gehalten. Ein kalter Wind wehte dadurch herein, es war frisch. Dafür war die Sicht durch die Publikumsbegrenzung gut, der Applaus tobend und die Getränke wurden an den Platz gebracht. So schlecht ist diese neue Konzertwelt also nicht.

Schulz sagt, die meisten Locations, die beim Festival mitmachten, hätten sich für eine Bestuhlung entschieden, da sie diese auch im Alltag einsetzen würden, um den Barbetrieb beizubehalten. Die Angestellten gehen zu den Zuschauern und fragen, ob sie etwas bestellen möchten – mit Mundschutz und Handschuhen. Auch hinter der Bühne tragen die Mitarbeiter solch eine Schutzkleidung.

Die Sängerin Dillon sagt, dass sie sich dadurch sicherer als im öffentlichen Nahverkehr fühle. Dort gingen die Menschen nicht so respektvoll miteinander um. Schulz ist der Umgang der Besucher und Mitarbeiter miteinander auch besonders positiv aufgefallen. „Wenn nur 30 Prozent davon für die Zeit nach Corona beibehalten würde, hätten wir schon viel erreicht.“ Er blickt hoffnungsvoll drein und wirkt auch irgendwie zufrieden. Ob er am letzten Festivaltag schon wusste, dass Kulturministerin Monika Grütters später offiziell verkünden wird, dass das Festival ein hoffnungsvolles Zeichen für die nationale und internationale Musikwirtschaft gesetzt habe und der Musikbranche 150 Millionen Euro aus dem Programm Neustart Kultur zur Verfügung gestellt werden, damit sie endlich wieder auf die Bühne kommt? Vielleicht. Vielleicht hat er aber auch einfach nur an die letzten Tage gedacht.