In den vergangenen Wochen waren Berlin und Bochum Orte heftiger Debatten über Judentum, Loyalität, Antisemitismus und die BDS-Bewegung, die zu Boykott, De-Investition und Sanktionen gegen Israel aufruft. Das bewegte mich dazu, mit Ihnen meine Gedanken als jüdisch-israelischer Humanist auf der Reise durch Deutschland im Jahr 2018 zu teilen.

Meine Tochter Yuli und ich trafen uns in Berlin, um Zeit miteinander zu verbringen, uns Kunst anzusehen und uns auszutauschen. Yuli lebt in Israel, wo meine Mutter, Shulamit Aloni, Ministerin für Bildung und Kultur im Kabinett von Yitzak Rabin war. Sie stand neben Rabin in der Kundgebung, auf der er ermordet wurde, nach einer wüsten Hetzkampagne rechter Kräfte in Israel. Dieselben Kräfte, zu deren bedingungsloser Unterstützung in diesen Tagen einige Deutsche aufrufen.

Als israelischer Jude auf einem BDS-Symposion 

Wir wollten unter anderem zur Ruhrtriennale in Bochum, auf der mein Film „Junction 48“ gezeigt wurde, der 2017 bei der Berlinale im Panorama den Publikumspreis gewonnen hatte. Dann erzählte mir Iris Hefetz Amsalem, meine Freundin und Kampfgefährtin der Jewish Voice for Peace (Jüdischen Stimme für Frieden), von einer Veranstaltung gegen die BDS-Bewegung in Berlin, zu der niemand von palästinensischer Seite als Redner eingeladen war. Mir war klar, dass ich diese Veranstaltung besuchen musste, um Klaus Lederer entgegenzutreten, dem Berliner Kultursenator von den Linken.

Als Außenstehender, der sich über die Vor- und Nachteile des BDS in Deutschland nicht sicher ist, hatte ich nicht die Absicht, BDS in Schutz zu nehmen. Mir ging es eher darum, dem zynischen Einsatz des Wortes „Antisemitismus“ gegen Bürgerrechtsaktivisten zu widersprechen. Wer den Begriff „Antisemitismus“ manipulativ missbraucht, befördert den Antisemitismus, indem er dessen zeitgenössische und historische Bedeutung verdeckt. Daher müssen wir einem solchen verfälschenden Wortgebrauch mit genau der gleichen Entschlossenheit entgegentreten, mit der wir auch den Antisemitismus bekämpfen.

Ich dachte also, dass ich als israelischer Jude zu diesem Symposion gehen sollte, um ganz einfach folgende Umstände zu erklären: (1) Die BDS-Bewegung ist eindeutig nicht antisemitisch, sondern beruht auf der Grundannahme der Gleichheit zwischen Israelis und Palästinensern. (2) BDS ist ein palästinensischer Aufruf an die Solidarität der internationalen Zivilgesellschaft, deren Geld dazu benutzt wurde, tödliche Waffen zu kaufen, mit denen Palästinenser unterdrückt werden – Menschen, die seit 70 Jahren ohne grundlegende Rechte leben. Es ist ein Aufruf, Raum für den gewaltlosen Kampf für Gerechtigkeit und Gleichheit zu schaffen.

Identität und Meinungsfreiheit

Wir sollten diesem Aufruf eine Gelegenheit geben, unvoreingenommen gehört zu werden, selbst wenn wir ihm nicht folgen können. Leider scheint es so zu sein, dass je mehr Israel sich von universellen Werten distanziert, die „guten Deutschen“ ein dringendes Bedürfnis verspüren, Israel desto harscher zu verteidigen – in Verkennung der Tatsache, dass Apartheids-Maßnahmen inzwischen nicht nur in der West Bank und in Gaza, sondern im ganzen Staatsgebiet Israels in den Grenzen von 1948 offiziell anerkannt sind.

Der Philosoph Slavoj Žižek hat viel über die enge und symbiotische Beziehung zwischen antisemitischen Bewegungen und dem israelischen Staat geschrieben. Dazu zählt auch das warme, offizielle Willkommen Bibi Netanjahus für rechtsextreme amerikanische Evangelisten oder den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. In einer Zeit von Schwäche und Verwirrung eignet sich die Rechte traditionell linke Begriffe an, um uns zu eliminieren.

Wie kommt es, dass Begriffe wie Identität oder Meinungsfreiheit in perverser Weise umgedeutet und unter dem Applaus der Unterstützer eines Ideals rassischer Überlegenheit gegen uns gerichtet werden? Wie kann ich dagegen eine Sprache radikaler Gnade setzen, nach der ich schon lange suche? Wie kann ich gegen brutale Attacken aufstehen, ohne selbst in Brutalität zu verfallen? Wie kann ich meiner Tochter ins Gesicht schauen und spüren, dass ich ihr die Werte eines humanitären Judentums vermittle, die mich meine Mutter und Großeltern lehrten?

Unterschiedliche, sich widersprechende Stimmen

Bei der Ruhrtriennale in Bochum gab es einen Tag nach der Vorführung meines Films eine Veranstaltung, bei der der Musiker Elliott Sharp einen bewegenden und tiefen Text über Empathie und BDS vortrug. Am Ende des Textes, als er sagte, dass die Bilder aus dem Warschauer Ghetto und dem Gazastreifen ähnlich aussehen, und das Publikum ihn nicht so ausbuhte, wie es zuvor mich ausgebuht hatte, fragte ich mich, ob ich in der Lage bin, archaische Panzerungen mit radikal emotionaler Inbrunst aufzubrechen.

Oder ob es nicht vielleicht genau meine Inbrunst ist, die jede Fähigkeit zum Zuhören blockiert. Es war mir wichtig, dazu Yulis Meinung zu hören, die ein besonders sensibles Gespür für semiotische Bedeutungen hat. Sie sagte mir, dass beide Klangarten für unseren Kampf wichtig seien: Sowohl das Recht auf emotionalen Ausbruch wie das tiefere, leisere, intellektuelle Verständnis.

Der Jude ist kein Singular und kein Objekt. Wir sind Subjekte mit vielen unterschiedlichen und sich widersprechenden Stimmen. Ich fühle mich manchmal wie Don Quixote bei dem Versuch, die jüdisch-deutsche Kultur der Vergangenheit vor der Zerstörung durch Deutsche der Gegenwart zu beschützen. Ich fühle mich als Enkel im Geiste all der deutsch-jüdischen Gespenster, die immer noch unter uns sind: Franz Rosenzweig, Martin Buber, Walter Benjamin, Hannah Arendt, Rosa Luxemburg und viele andere.

Wütende Feuer, zerbrechliche Welt

Ich frage Sie mit leiser Trauer: Welche Richtung des Judentums wollen wir bewahren? Die von Judith Butler, Tony Kushner, Daniel Barenboim, Franz Rosenzweig, Franz Kafka, Sigmund Freud, Gershom Scholem, Martin Buber, Walther Benjamin, Rosa Luxemburg und Hannah Arendt? Oder die von Benjamin Netanjahu, Sheldon Adelson, Naftali Bennett und Avigdor Lieberman? Das ist die Frage, die Deutsche stellen sollten, bevor sie sich in ein imaginäres „Judentum“ einwickeln wie in einen Gebetsschal und dem Staat Israel bedingungslose Treue schwören.

Am letzten Tag unserer Reise besuchten Yuli und ich die „Hello World“-Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Dort sahen wir eine Installation des Künstlers Bruce Nauman, die auf Deutsch etwa heißt „Raum ohne meine Seele, Raum der sich nicht kümmert“. Wir standen dort und fragten uns: Quo Vadis Domini? Wohin führt uns ein nach innen gewandter politischer und künstlerischer Weg, während um uns herum ein Feuer wütet und unsere zerbrechliche Welt verbrennt?

Recht auf Gleichheit und Sicherheit

Am Abend gingen wir mit dem israelischen Schriftsteller Nir Baram und anderen Freunden essen und stritten uns beim Wein über die Frage, was uns einer Lösung näher bringt: ein moderates, diplomatisches oder ein radikales, uneingeschränktes Vorgehen? Bis mein Freund Timothy bemerkte: „Denk daran zu sagen, dass es weder um dich noch um die Deutschen geht. Am Ende des Kampfes steht ein junges palästinensisches Mädchen ohne Rechte, das es verdient, in Gleichheit und Sicherheit zu leben und vielleicht im Krankenhaus eine Krebsbehandlung zu bekommen, auch wenn die politische Einstellung ihres Vaters nicht die unsere ist.“

Und dann schaute ich auf meine Tochter, die in Israel lebt, und sagte mir: Am Ende des Kampfes steht auch meine Tochter, und ich möchte ihr helfen, eine Welt zu erschaffen, in der sie und ihre palästinensische Freundin Mariam gemeinsam Kunst machen können und in der ihre Freundschaft selbstverständlich ist. Am nächsten Morgen waren wir uns alle der Beschränktheit unserer Fähigkeiten ebenso bewusst wie der Verantwortung jedes Einzelnen, die Welt ein klein wenig besser zu machen.

Aus dem Englischen von Carsten Siebert.