Noch immer orientiert sich das deutsche Thriller- und Horrorkino an amerikanischen Vorbildern. Als wäre „Angst“ kein Wort aus Deutschland, und als solches ein weltweiter Exportschlager – ganz anders als die Filme. Wovor nur haben die Deutschen Angst? Vielleicht vor dem großen Bruder selbst, suggeriert ein neuer Film sehr effektiv, indem er vier junge Abenteurer zu einer US-Militärbasis führt, die verlassen und abgesperrt tief im pfälzischen Wald liegt.

Es geht um geheime Militärexperimente, unheimliche Strahlen und einen totgeschwiegenen Unfall damals in den 1980er-Jahren – dem großen Jahrzehnt westdeutscher Angst, der Verschwörungstheorien, des Waldsterbens. Doch der deutsche Wald stirbt nicht mehr – im Gegenteil: Er ist tief und dunkel und birgt grausige Gefahren.

So wie in jeder Verschwörungstheorie vermischen sich auch im Spielfilm „Lost Place“ unheimliche Fakten mit realen Ängsten. Kennen Sie HAARP? Das amerikanische „Wetterexperiment“ gab es wirklich, und ganz unter uns: Im Internet kann jeder nachlesen, dass es nichts anderem diente als der Vorbereitung des Dritten Weltkriegs. Den Feind mit schlechtem Wetter in die Knie zu zwingen, klingt harmlos.

Doch was, und das ist nun die sehr deutsche Frage des Films, ist mit den Strahlen? Sind Radiowellen nicht auch irgendwie radioaktiv? Was macht das mit uns? Im Film, so viel darf man verraten, haben die unheimlichen Hinterlassenschaften verheerende Wirkung. So ein elektromagnetisches Feld betritt man nicht ungestraft. Strahlen machen krank, Strahlen töten. Und die seit den 1980ern dazuerfundenen Handys mit ihrem elenden Elektrosmog machen alles nur noch schlimmer.

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Das ist nun viel Wissenschaft und Technik, aber keine Sorge: Es geht noch weiter. Kennen Sie Geo-Caching? Das ist der Zeitvertreib, der unsere Helden in ihre missliche Lage bringt: eine Art Schnitzeljagd per Internet und GPS. Millionen sind ihm angeblich verfallen. Den wenigsten jedoch dürfte es so übel ergehen wie Daniel, Elli und den anderen, die auf der Militärbasis auch noch einem Mann im Strahlenanzug begegnen, der ein Umweltspinner sein könnte oder ein Serienmörder. Noch so eine deutsche Frage: Steckt das Böse im Menschen oder in einer unbeherrschbaren Technik? Im Zweifelsfall ist natürlich beides richtig.

Der Regie-Debütant Thorsten Klein und seine Mitautorin Lena Vurma haben, mit geringen Mitteln, einen beglückend professionellen Film gemacht, der seine widerstrebenden Elemente erstaunlich plausibel zusammenfügt. In den Figuren, die freilich dem Genre verhaftet bleiben und wenig Eigenleben entwickeln, trifft Technikbegeisterung auf die Angst vor der Technik.

Es ist ein so neuer wie moderner Ansatz, der die Internet-affine Jugend mit sich selbst bekannt macht und ihre Angst vor dem Restrisiko, so vorhanden, gewinnbringend aufgreift. Für die Älteren: Die schlauen Jungs und Mädchen spielen hier in etwa die Rolle von Matthew Broderick im Film „War Games“, der es 1983 allein mit dem Pentagon aufnahm. Aus der nuklearen Bedrohung von damals ist der elektromagnetische Fall-Out geworden. Das ist der kleine, aber doch recht erhebliche Unterschied.

„Lost Place“ wurde überdies in 3D gedreht. Die vielen nicht geheure Technik kommt aber nur wenig zum Einsatz. Dank ihr kracht, funkt und sprazzelt es manchmal noch doller im elektrischen Spannungsfeld. Und der deutsche Wald wirkt noch einmal ein bisschen tiefer, unergründlicher, böser und schöner. Vielleicht ist das alles nur Humbug. Aber in Sachen Wald und spekulativer Technikfolgenabschätzung macht uns so leicht niemand etwas vor!

Lost Place: Deutschland 2013. Regie: Thorsten Klein, Drehbuch: Thorsten Klein, Lena Vurma, Kamera: Xiaosu Han, Andreas Thalhammer, Darsteller: François Goeske, Jyette-Merle Böhrnsen, Pit Bukowski, Josefine Preuß u.a.; 101 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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