Berlin - Im fiktiven Prittwitz haben Neonazis das Sagen. Hierhin gerät der afrodeutsche Autor Sebastian, der nach einem Schlag auf den Kopf wie ein Papagei die Parolen rechter Schläger nachplappert. Deren Anführer Sven führt ihn in Talkshows vor und will zudem in Polen einfallen.

Herr Brüggemann, Ihr neuer Film „Heil“ parodiert die rechte Szene. Was ist so lustig an Neonazis?

Eigentlich nichts. Lustig ist immer, wenn Leute ihrer eigenen Idiotie folgen, und der Zuschauer denkt: Um Gottes willen, das könnte ja ich sein! Lustig ist also das Zusammenfallen von Identifikation und Entsetzen. Das ist der Kern von Komödie. Es gibt unglaublich viele Drehbuchlehrbücher; mein liebstes heißt „The Comic Toolbox“. Darin wird Komik als „Thruth and Pain“ definiert, also Wahrheit und Schmerz. Das sind andere Worte für Identifikation und Entsetzen.

Dann lacht man in Ihrem Film also über den Nazi in sich?

Vielleicht auch das, wenn man einen in sich hat.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee zu „Heil“?

Ich lese Zeitung. Natürlich war der NSU-Komplex ein Auslöser, als der 2011 aufflog. Parallel dazu kam damals der Film „Kriegerin“ von David Wendt in die Kinos. Die Absurdität dessen, was da passiert war, hat mich ungemein beschäftigt: Dass die rechte Szene unter dem sehenden Auge des Staates agierte.

Man hört zudem immer wieder, dass die Polizei oft keine Lust hat, sich mit Neonazis zu befassen und diese Leute deswegen einfach gewähren lässt. Tatsächlich gibt es, wie in meinem Film, Bürgermeister, die ihre Gemeinden einfach nicht in den entsprechenden Schlagzeilen sehen wollen. Andererseits handelt allenfalls ein Drittel des Films von Neonazis.

In „Heil“ geht es gleich rundum gegen die deutsche Gesellschaft …

… gegen Neonazis, den Verfassungsschutz, Kulturbetrieb, den Mann auf der Straße, die Medien ...

Bei Ihnen fordert ein Fernsehredakteur vom Reporter: „Zeigen Sie mir den Menschen im Neo-Nazi!“

Was der TV-Redakteur da sagt, ist ein Echo auf Dietrich Kuhlbrodt, der in „Heil“ eine Rolle übernommen hat. Der schrieb mal: Die neueren Nazi-Kostümfilme der 1990er- und 2000er-Jahre wollen Nazis als Menschen zeigen – dabei wäre es weit interessanter, Menschen als Nazis zu zeigen. Da steckt viel Wahres drin. Die Nazi-Kostümfilme wollen sich von einer Oberfläche zu einem tieferen Verständnis durcharbeiten – und landen am Ende bei Allgemeinplätzen.

Briten und Amerikaner gehen filmisch seit Langem satirisch mit Nazis oder auch Neonazis um. In Deutschland ist man da aus gutem Grund zögerlich; man fürchtet den Vorwurf der Verharmlosung. Haben Sie die erste neue deutsche Nazi-Komödie gedreht?

Es gab vor 23 Jahren „Schtonk“ von Helmut Dietl. Mein Film ist vom Tonfall nicht weit weg davon. Den filmisch-satirischen Zugriff auf das Thema, und auch auf viele andere Themen, habe ich hierzulande tatsächlich immer vermisst. Das ist doch die einzige Geisteshaltung, mit der man dieses Wahns habhaft werden kann. Deutsche Filme zur Nazi-Vergangenheit oder -Gegenwart sind ja immer sehr redlich und um Aufklärung bemüht, um Einfühlung und Identifikation.

Was ist so schlecht an all dem?

Damit kommt man einfach nicht weiter. Damit fasst man die Realität da draußen nicht mehr. In dieser redlichen Aufklärungshaltung kann man sich auch behaglich einrichten; außerdem ist sie filmisch nicht sonderlich interessant. Das hat sich herumgesprochen, und es ist kein Zufall, dass derzeit mehrere Leute an Filmkomödien über die rechte Szene arbeiten. Ich weiß von diversen Läuterungsgeschichten – ein Nazi und ein Jude werden mit Ketten aneinander gefesselt und müssen gemeinsam fliehen und dergleichen. Aber uns erwartet auch die große dicke Verfilmung von „Er ist wieder da“, Timur Vermes’ Roman über Hitlers fiktive Wiederauferstehung.

Haben Sie einen britischen oder US-Lieblingsfilm, der furchtlos mit dem Thema Nazis umgeht?

Nein. Für die Briten und Amerikaner beinhaltet das Thema ja eine ganz andere Perspektive: Die ist von dem Wissen geprägt, von einem Aggressor bedroht worden zu sein. Der Zweite Weltkrieg war für die Briten auch deren letzte Epoche nationaler Größe – das war etwas Sinnstiftendes. Der Blick aufs eigene Land, also meiner, ist ein ganz anderer. Die Pointe ist ja, dass Deutschland krachend den Zweiten Weltkrieg verloren hat, aber dann mithilfe der Amerikaner und deren Marshall-Plan wieder hochgepäppelt wurde – während Großbritannien mit einer bröselnden Industrie dastand.

Das war nicht lustig. Ihr Film ist es hingegen durchaus.

Natürlich ist „Heil“ von intensiver Monty-Python-Kenntnis geprägt. Deren Werke habe ich quasi inhaliert. Eine andere Referenz ist „Four Lions“ (2010), die britische Satire von Chris Morris über eine islamistische Terrorzelle in Sheffield.

Sie spielen in „Heil“ viel mit Zitaten. Songs der Ärzte sind ebenso identifizierbar wie Christoph Schlingensiefs Bayreuth-Erfahrung. Sogar Sie selbst tauchen als Filmfigur auf – als Regisseur der Filmkomödie „Geil Hitler“.

Wenn man sich schon über alles lustig macht, darf man sich selbst nicht rauslassen. Der Filmregisseur Tom Lass spielt einen Filmregisseur namens Dietrich Brüggemann, der in einer Talkshow sitzt und Phrasen drischt. „Heil“ ist überhaupt ein Fest des Phrasendreschens.

Sie karikieren da die Experten-Typologie, die in den Fernseh-Talkshows immer wieder aufgerufen wird.

Der gesamte Film handelt von Idiotie. Fast jeder darin ist ein Idiot – mit der einzigen Ausnahme des Afrodeutschen Sebastian, Autor von „Das braun gebrannte Land“. Der bekommt einen Schlag auf den Kopf und plappert danach den Neonazis alle Parolen nach, aber er ist keine Witzfigur.

Warum nicht?

Das wäre zu viel gewesen. Wenn er den ganzen Film auf dem Stand eines gut gelaunten Dreijährigen verbringt, sollte sein Ausgangszustand im Vergleich dazu immer noch erstrebenswert erscheinen. Außerdem wäre die einzige Möglichkeit, ihn in eine genuin komische Figur zu verwandeln, eine forcierte Übertreibung seines antirassistischen Engagements gewesen – das hätte einen äußerst unguten Beigeschmack und wäre auch in der Sache nicht durch Fakten gedeckt.

Bei all den Anspielungen in „Heil“ kommen Sie mir fast vor wie ein Schwamm, der alles aufsaugt und dann in Filmform ausdrückt …

Genauso habe ich mich gefühlt. Der Film macht sich eigentlich von allein. Das ist auch richtig so – man muss sein Ego da rausnehmen und den Film wie ein lebendes Wesen wahrnehmen, das einen eigenen Willen hat und sich quasi selbst erschafft. Klingt esoterisch, aber ich habe da gewichtige Schutzpatrone. Etwa den US-Filmeditor, Regisseur und Drehbuchautor Walter Murch, der das in seinem Buch „In a Blink of an Eye“ genau so schildert: Wenn die Arbeit an einem Film gut läuft, hat man quasi nichts damit zu tun.

In „Heil“ gibt es sagenhafte 114 Sprechrollen. Neben Schauspielern besetzen Sie auch Kollegen, Musiker und Kinobetreiber. Warum?

Das Besetzen von Regisseuren hat sich vor Jahren ergeben, als Sven Taddicken und ich anfingen, uns gegenseitig vor die Kamera zu ziehen. Ich spiele ausgesprochen gern in Filmen von Freunden kleine Rollen – man lernt viel und erinnert sich mal wieder daran, wie es für Schauspieler eigentlich so ist. Außerdem ist es ein Zeichen von Verbundenheit und ein Signal gegen die Vereinzelung, in die man als Künstler leicht verfällt.

Meine Lieblingsszene ist die mit der Antifa-Aktivistin, die ihre eigenen Leute bespitzelt und den Verfassungsschutz auf ihrem Handy unter „Verfassi“ gespeichert hat.

Das ist die Terminologie der linken Szene, die ganz viel mit „i“ abkürzt. Dass Antifa-Leute für den Verfassungsschutz arbeiten, ist wüste Spekulation – sollte man denken. Doch als die Szene längst geschrieben war, kam die Nachricht, dass im Umkreis der Roten Flora in Hamburg jahrelang eine V-Frau aktiv war. Bei der NPD weiß man ja, dass dort keiner mehr übrig ist, wenn der Verfassungsschutz seine Leute abzieht.

„Heil“ beginnt rasant mit Mini-Archivschnipseln vom Bombenkrieg, Leichenbergen im KZ, und schon heißt es „70 Jahre später“. Fürchten Sie nicht Proteste oder Drohungen?

Wer sollte da protestieren, und wogegen? Unsere Filmhandlung ist satirisch überhöht, aber diese Archivschnipsel sind einfach das, was sie sind. Wir resümieren kurz, was bisher geschah, um dann zu sagen: „Heil“ ist kein Geschichtsaufarbeitungsfilm. Wir sind hier in der Gegenwart.

Das Gespräch führte Anke Westphal.