Regisseur Stephan Kimmig hat gute Gründe für die Art, seine Hose zu tragen.
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BerlinNicht immer gelingt der Moduswechsel vom Theatergucken zum Normalgucken reibungslos. Auch die kühlsten Berufsrezipienten, die drei Sekunden nach dem letzten Klatscher schon aus der Tür sind, hängen manchmal noch in der vorgestellten Parallelwelt, nehmen sie mit, wenn sie (zum Beispiel durch den Wald von Birnam) nach Hause radeln, sich (oder Macbeth) die Zähne putzen, ins Bett (zu wem auch immer) steigen und endlich (von Untergängen oder peinlich glücklichen Fügungen) träumen. Man guckt, wenn das Theater beendet ist, die Wirklichkeit an, hält sie weiter für ein System von Zeichen, liest darin rum, interpretiert und deutet.

So ging es mir, als der Regisseur Stephan Kimmig nach einer Premiere zur Entgegennahme des Schlussapplauses aus der Gasse gerufen wurde. Er trat mit einem Gang an die Rampe, dessen Wuchtigkeit auch von den schweren halbhohen Schuhen herzurühren schien, aus denen die farbenfrohen Sockenbündchen schauten.

Zeichen der Gleichstellung?

Moment mal. Sockenbündchen? Bei der sich verzögert stellenden Frage, warum sich in Gottes Namen die Sockenbündchen nicht wie üblich der Sichtbarkeit entzögen, hatte ich den Grund dafür schon erblickt: Stephan Kimmig hatte die Hosenbeine nach oben geschoben, bis zu der verjüngten Stelle unterhalb der Knie, wo der geraffte Stoff leicht ins Beinfleisch schnitt.

Hier nun kehrte ungerufen mein eigentlich schon in den Feierabend vorausgeschickter innerer Interpretator zurück an den Wahrnehmungsapparat, nahm das Bild der entblößten Waden in sich auf und fragte sich Fragen: Was will man uns damit sagen? Ist das ein Dresscode, der irgendetwas mit der auch feministischen Botschaft des Stücks zu tun hat? Schließlich ist Kimmig einer der ersten männlichen Unterstützer des Vereins Pro Quote Bühne, der für die Gleichstellung der Frauen im Theater kämpft. Soll es eine Geste des Machtverzichts sein, mit der man als Mann seine verwundbare Stelle in der Nähe der Achillesferse herzeigt?

Fragen über Fragen

Aber ist denn die Wade traditionell nicht eher ein den Angriffen kurzbeiniger Hunde ausgesetztes Körperteil? Wäre das dann nicht wieder chauvinistisch? Oder, Moment mal, ist es etwa ein Wadenbeißerkampfesgruß an die Kritiker im Publikum? Oder muss der Regisseur auf diese Weise einfach eine verlorene Wette auszahlen? Oder habe ich irgendeinen Modetrend verpasst? So viel ungewöhnlicher, die Hosenbeine zu hoch zu tragen als den Hosenbund unterm Hintern, ist es nun auch wieder nicht. Oder sollen wir „Hochwasserhose“ denken – und an den Kampf gegen den Klimawandel? Oder oder oder was?

Das Fragenkarussell drehte sich. Die Neugier wuchs und wuchs, bis sie nach einer Woche endlich die Scham und das Bedürfnis nach eingehaltenem Mindestabstand zwischen Kritiker und Künstler überstieg. Die verbotene Frage, was den Künstler zu dieser einfach nicht ignorablen Geste hingerissen habe, sie wurde gestellt. Und die Antwortmail kam prompt: „Ich zieh mir oft meine Hosenbeine hoch, beim Arbeiten, weil mir warm ist, weil die Luft zirkulieren muss an den Beinen. Und da ich aufgeregt war am Freitag, und mir warm war, eben wegen der Aufregung, habe ich sie oben gelassen, da war ich sozusagen mehr bei mir, obwohl alle hinter der Bühne mir sagten: Runter mit den Hosen!“ Die aber blieben oben. Eine sympathische, dennoch leicht enttäuschende Antwort. Das hat man davon, wenn man fragt.